Son Dakika

„Zu jüdisch für die Nazis, zu bürgerlich für die DDR, zu links für die BRD“

Reklam

BerlinEine Wohnung mit Blick auf einen Park in Pankow, sehr hell, mit vielen Blumen, auf dem Tisch Kaffee, grüner Tee, Kuchen. Daniela Dahn, Publizistin, und ihre Tochter Laura Laabs, Regisseurin, sprechen über sich und ihre Familie, vor allem über eine Frau, die über die DDR hinaus eine Legende geworden ist: Sibylle Boden-Gerstner, Breslauer Jüdin, Gründerin der DDR-Modezeitschrift Sibylle, Ehefrau von Karl-Heinz Gerstner, der sie in Paris vor den Nazis versteckte und später für die Berliner Zeitung arbeitete. Eine Familiengeschichte, geprägt von der Suche nach Heimat, Identität, Zugehörigkeit, die sich immer auch in der Mode ausdrückt, bis heute. Laura Laabs hat zum Interview ein Kleid ihrer Mutter angezogen und Perlenclips ihrer Großmutter an die Ohren gesteckt. Einen davon hat sie auf dem Weg von ihrer Neuköllner Wohnung zu ihrer Mutter in Pankow verloren. Ein schmerzhafter Verlust, aber auch ein Zeichen, sagt sie. Ihre Großmutter, 2016 gestorben, wisse: „Wir sitzen jetzt hier zusammen und sprechen über sie.“

Hatten Sie ein enges Verhältnis zu Ihrer Großmutter, Laura?

LAURA LAABS: Ja. Das fing schon im Teenager-Alter an, als ich mit ihr den Dachboden durchgekramt habe. Der war vollgestopft mit Kleiderkoffern. Sachen aus der Pariser Zeit, ihre Filmkostüme oder Selbstgeschneidertes. Die Leidenschaft für Mode wurde eine unserer Gemeinsamkeiten. Ich habe noch immer viele Sachen von ihr.

Wenn sie jetzt mit uns hier am Tisch säße: Wie wäre das?

LAABS: Dann würden wir kaum zu Wort kommen. Man sieht das in meinem Film über sie, den ich gleich zu Beginn an der Filmhochschule gemacht habe. Diese Versuche, die Kontrolle zu behalten, Sachen selber zu dirigieren. Und ich glaube, das würde sie im Gespräch jetzt auch tun.

DANIELA DAHN: Sie bestand darauf, manches aus eigener Erfahrung besser zu wissen.

LAABS: Sobald sie das Gefühl hatte: Da könnte jetzt jemand zu viel über mich erfahren, hat sie abgeblockt. Im Film zeigt sich dieser Konflikt: Ich frage sie privat. Und sie antwortet politisch.


Das Verrückte war, dass für sie die Zeit in der Illegalität nicht nur schrecklich war.

Laura Laabs, Enkelin


Warum haben Sie diesen Film gemacht?

LAABS: Es ging mir um dieses Missverständnis zwischen den Generationen: zwischen einer, die große Katastrophen durchleben musste, und einer, die in der Nachwendezeit, im sogenannten Ende der Geschichte, aufgewachsen ist. Aber er war auch ein Instrument, bestimmte Fragen zu stellen, die man sonst an der Kaffeetafel nicht stellt. So hat meine Großmutter zum Beispiel erzählt, dass sie immer noch von der Zeit, als sie sich verstecken musste, träumte.

DAHN: Ihr Vater war jüdisch, und sie war als sogenannter Mischling zwar kein Sternträger, also nicht deportationsgefährdet. Aber sie hat die üblichen Schikanen aushalten müssen. Und die waren sehr demütigend. Sie hatte oft Ängste, was man ihr wieder anlasten wird. Und das hat sie eigentlich ein Leben lang begleitet. Genau wie die Befürchtungen, was Leute über sie denken könnten. Du, Laura, hast das mal auf den Punkt gebracht: Für die Nazizeit war sie zu jüdisch, für die DDR zu bürgerlich und für die Bundesrepublik zu links.

Sie hat während des Krieges in Paris in der Illegalität gelebt?

DAHN: Ja, meine Mutter hatte an der Kunstakademie in Berlin studiert, bis es nicht mehr ging, dann an der in Wien, bis es nicht mehr ging, und schließlich lebte sie illegal in Paris.

LAABS: Ohne Aufenthaltsgenehmigung, mit einem deutschen Mann. Er schützte sie, aber heiraten durften sie nicht, ein Deutscher und ein „Mischling“.

Dieser Mann, das war Karl-Heinz Gerstner, späterer Redakteur der Berliner Zeitung. Wie haben die beiden sich kennengelernt?

DAHN: Silvester in einer Baude im Riesengebirge. Damals eine 19-jährige Studentin und einer, der für sein zweites Juraexamen paukte. Bald darauf wurde er zum Glück wegen der Folgen einer frühen Kinderlähmung ausgemustert, musste nicht in den Krieg. Und landete stattdessen nach Umwegen als Wissenschaftlicher Hilfsarbeiter in der dreiköpfigen Wirtschaftsabteilung der Botschaft in Paris.

LAABS: Das Verrückte war, dass diese Zeit für sie nicht nur schrecklich war. Es gab bei ihr so eine Zerrissenheit. Ihr Vater war verschwunden, man erfuhr dauernd von Leuten, die verschwanden oder gefallen waren. Aber sie war eben auch frisch verliebt in Paris. Das Private hält sich nicht unbedingt an die gesellschaftlichen Zustände.


Wenn man bei der Berliner Zeitung arbeiten wollte, musste man auch im Osten wohnen.

Daniela Dahn über den Umzug ihrer Eltern


Nach dem Krieg lebten sie in Berlin. Und 1949, also kurz vor der Gründung der DDR, sind sie aus West- nach Ost-Berlin gezogen. Warum?

DAHN: Zwei Wochen vor meiner Geburt, ja. Das hat die Berliner Zeitung von meinem Vater verlangt. Wenn man da arbeiten wollte, sollte man auch im Osten wohnen.

Gab es Streit zwischen Ihren Eltern über diesen fast schicksalhaften Umzug?

DAHN: Damals war die Stadt ja noch nicht so geteilt. Da wusste man nicht, wie schicksalhaft es wird. Mein Vater hat zwar gern für die Zeitung gearbeitet, aber er war in Charlottenburg zu Hause, da ist er aufgewachsen und zur Schule gegangen. Er ist ungern weggezogen. Aber ich glaube, dass es nicht wirklich Streit gab, weil meine Eltern sich bewusst am Aufbau einer Alternative beteiligen wollten, nachdem sie die Nazizeit erlebt hatten.

Berliner Zeitung/Paulus Ponizak

Daniela Dahn

geboren 1949 in Berlin, ist die Tochter der Sibylle-Gründerin Sibylle Boden-Gerstner und des langjährigen Berliner-Zeitung-Redakteurs Karl-Heinz Gerstner. Sie wuchs zusammen mit ihrer Schwester Sonja in Kleinmachnow auf, studierte Journalistik in Leipzig und arbeitete zunächst als Fernsehjournalistin. 1981 kündigte sie und ist seitdem freie Schriftstellerin und Publizistin. Sie war in der Wendezeit Gründungsmitglied des „Demokratischen Aufbruchs“. Gastdozenturen führten sie in die USA und nach Großbritannien. Sie hat die deutsche Vereinigung und die globalisierte Welt in Essay-Büchern kritisch begleitet. Zuletzt erschien 2019 von ihr „Der Schnee von gestern ist die Sintflut von heute“ und 2020 „Tamtam und Tabu“.

Ihre Mutter gründete 1956 die Sibylle, die legendäre DDR-Modezeitschrift. Wie kam es dazu? War das ihre eigene Idee?

DAHN: Nein. Das war ein Beschluss der Frauenbeauftragten vom ZK. Die DDR sollte der Constanze etwas entgegensetzen können.

Constanze war die Westzeitschrift?

DAHN: Ja, sie wurde auch im Osten gekauft, war also Konkurrentin, aber man wollte sich auch von ihr absetzen: Nicht nur von Männern gemacht, nicht so viel Reklame und Boulevard, dafür ein anspruchsvoller Feuilleton-Teil.

LAABS: Auf jeden Fall hat die Sibylle die Constanze weit überlebt.


Und dann kam die Zeit, wo sie bei der Sibylle gemobbt wurde und man befand: Das ist nicht das, was die werktätige DDR-Frau braucht.

Daniela Dahn über ihre Mutter


Warum war Ihre Mutter als Gründerin nur Stellvertretende Chefredakteurin?

DAHN: Ihre Bezeichnung wechselte. Meist war sie künstlerische Leiterin. Das übergeordnete Ministerium für Leichtindustrie hatte einen Gruppen-Chefredakteur eingesetzt, der war für sieben Zeitungen zuständig, also auch für die Traktoren-Zeitung.

LAABS: Und Modelleisenbahn.

DAHN: Von Mode hatte er null Ahnung, vom Schreiben auch, aber das wusste er und hat sich rausgehalten. Meine Mutter hat allein die Konzeption entwickelt, und am Anfang hat ihr niemand reingeredet. Alles war sehr improvisiert, sie hat selbst Modelle und Stoffmuster gezeichnet. Solange die Mauer noch nicht stand, war die Sibylle ziemlich international, meine Mutter war in Paris, in Warschau, in Florenz oder Moskau zu Modeschauen, brachte Fotos mit, auch Cocktailkleider und so. Die standen dann neben den etwas spärlichen HO-Modellen. Und dann kam die Zeit, wo sie gemobbt wurde und man befand: Das ist nicht das, was die werktätige DDR-Frau braucht.

LAABS: Sie hat bei ihren Lesern über die Mode ein Fenster zum Träumen geöffnet, und die Träume waren schwer zu erfüllen. Mit dem Kleid in Paris in die Oper! Das wurde als gefährlich wahrgenommen.

DAHN: Die Kritik war: zu französisch.

LAABS: In einer Nummer nimmt sie in einer Karikatur ihre Kritiker aufs Korn: Blumen am Hut? Zu formalistisch!

Wer hat sie gemobbt?

DAHN: Die Mode-Ideologen schossen aus verschiedenen Parteistellungen, auch Elli Schmidt, die Direktorin des Institutes für Bekleidungsindustrie.

LAABS: Sibylle sprach nicht so gerne über diese Zeit, das Scheitern.

DAHN: Mein Vater beschreibt es in seiner Biografie. Elli Schmidt war eigentlich eine couragierte Frauenrechtlerin, ZK-Mitglied, hat 1953 Walter Ulbricht scharf angegriffen und Rudolf Herrnstadt verteidigt – erster Chefredakteur der Berliner Zeitung. Und einer der besten. Sie verlor ihre Ämter und wurde in die Mode strafversetzt. Weil sie mal Schneiderin war. Dort hat sie dann offenbar den eigenen Druck nach unten weitergegeben.

Hat das Ihre Mutter verbittert gemacht?

DAHN: Klar hat sie das mitgenommen, die Sibylle war ihr Projekt, sie wollte auch ihr eigenes Geld verdienen, war ungern abhängig. Parallel dazu hatten meine Eltern eine Ehekrise. Also hat meine Mutter trotzig gesagt: Dann nehme ich jetzt die Mädchen und bleibe bei meiner Mutter in Bayern. Es war furchtbar. Ich musste auf ein Mädchenrealgymnasium in der Provinz. Vor jeder Stunde wurde gebetet. Und die Fragen der Mitschülerinnen über mein Leben im Osten! Ihr sprecht doch immer russisch, oder? Und: Hast du Chruschtschow schon oft gesehen? Das war die Generation, die nach der Wiedervereinigung den Aufbau Ost geleitet hat.

Und Ihre Mutter? Hat sie in der Kürschnerei der Familie mitgearbeitet?

DANIELA DAHN: Nein, sie hat das gehasst, dieses blöde Kürschnern.

LAABS: Das hatte sie ja auch nicht gelernt.

DAHN: In dem kleinen Laden, den meine Großmutter aus dem Breslauer Pelzhaus hinüberretten konnte, gab es immer Existenzsorgen. Dass da im Westen ständig über Geld gesprochen wurde, kannte ich aus dem Osten nicht. Meine Mutter hat alles Mögliche versucht, das war eine totale Selbstfindungsphase.

Und, fand sie sich?

DAHN: Nee, als mein Vater bat, wir mögen doch zurückkommen, haben wir die Koffer gepackt. Sechs Wochen später wurde die Mauer gebaut.


Mein erster Impuls zur Mauer war: Gott sei Dank, dann muss ich nicht mehr nach Bayern.

Daniela Dahn, Publizistin


Wieder so ein schicksalhafter Umzug. Was wäre passiert, wenn Sie auf der anderen Seite gewesen wären?

DAHN: Mein erster Impuls zur Mauer war: Gott sei Dank, dann muss ich nicht mehr nach Bayern.

LAABS: Du wärst vom Alter her genau die richtige Generation für die RAF gewesen.

DAHN: Na besten Dank! Dann säßen wir jetzt vielleicht nicht hier.

Wie sind Sie eigentlich so streitbar und mutig geworden, Daniela? Sie legen sich mit allen an, zu DDR-Zeiten schon, heute auch.

DAHN: Wenn ich mich recht erinnere, habe ich in der DDR nichts geschrieben, was nicht meine Meinung war. Aber ich habe nicht alles gesagt und nicht so zugespitzt. In der BRD dachte ich dann etwas naiv: Jetzt haben wir Pressefreiheit und Meinungsfreiheit, jetzt kann jeder ohne irgendwelche Folgen sagen, was er für richtig hält. Und diese Naivität bewahre ich mir.

Haben Sie das von Ihrer Mutter gelernt, sich zu wehren im Leben?

DAHN: Diese Erfahrung musste ich selber machen. Taktieren ist mir auch zu anstrengend. Einfach meine Meinung zu sagen, ist der Luxus, den ich mir leiste.

Sie sind Journalistin geworden, genau wie Ihre Eltern. Warum?

DAHN: Zu meiner Jugendweihe hielt Christa Wolf die Rede, und sie fragte vorher alle Schüler, was sie werden wollen. Die meisten Jungs wollten Kosmonauten werden, das weiß ich noch, wegen Juri Gagarin. Und ich sagte: entweder Pferdezüchter oder Filmregisseur. Christa Wolf sagte zu Regie: Ach, da staune ich aber. Das ist doch für Frauen ein so schwerer Beruf. Irgendwie muss mich das schockiert haben. Ich sah mir die 35-jährige Christa Wolf an und dachte: Schreiben ist für Frauen wohl ganz einfach.


Berliner Zeitung/Paulus Ponizak

Laura Laabs

wurde 1985 geboren als Tochter der Publizistin Daniela Dahn und des Schriftstellers Joochen Laabs. Sie wuchs in Adlershof auf, studierte Politik- und Filmwissenschaft und anschließend Regie in Babelsberg. Ihr Erstjahresfilm, die Dokumentation „Enkel der Geschichte“ besteht aus einem Gespräch zwischen Laabs und ihrer Großmutter Sibylle Gerstner, Gründerin der DDR-Modezeitschrift Sibylle. Im vergangenen Herbst inszenierte Laura Laabs an der Volksbühne einen Monolog mit Jella Haase, basierend auf Texten von George Sand und der RAF. Derzeit arbeitet sie an ihrem Kinospielfilm „Rote Sterne überm Feld“. Am 29. April hat das Hörspiel „Mütter & Söhne“ unter ihrer Regie Premiere im SWR2.


Und stattdessen sind Sie, Frau Laabs, Regisseurin geworden.

LAABS: Ich wollte eigentlich mit Kunst nichts machen. Schon gar nichts mit Schreiben. Weil das in der Familie so vorbelastet ist. Ich habe erst Politik und Philosophie studiert. Aus Philosophie wurde Filmwissenschaft und aus Filmwissenschaft Regie.

DAHN: Du wolltest in die Politik.

LAABS: Eigentlich wollte ich UNO-Generalsekretärin werden. Und dann habe ich ein Praktikum am Europäischen Parlament gemacht und gemerkt, was das für Strukturen sind, in die man da reingerät, und habe festgestellt: Nee, nee.

DAHN: Du meintest, das sind humorlose, karrierefixierte Leute.

LAABS: Der CDU-Praktikant sagte zu mir: „Laura, zur Arbeit kommt man im Kostüm, nicht im Clownskostüm“, dabei war ich nur etwas unkonventionell zurechtgemacht. Ich wollte die Welt verändern und merkte damals: Das macht man gar nicht in der Politik, das macht man in der Kunst.

Was wollten Sie an der Welt verändern?

LAABS: Wo fang’ ich da an? In der DDR geboren zu sein, dieses Gefühl von: Ich komme aus einem anderen Land, aus einem anderen System. Also war es offensichtlich mal möglich, dass Dinge grundsätzlich anders laufen. Das hat mich schon geprägt.

DAHN: Du warst im Kindergartenalter mit uns ein Semester in den USA und hast da auch die Obdachlosen gesehen …

LAABS: Das ist jetzt deine Deutung: Das DDR-Kind kommt in die USA und erkennt den Schrecken der Welt.

Wie ist Ihre Deutung?

LAABS: Meine ganz frühe Kindheit fand ja in der DDR statt. Wir waren viel auf dem Land, das habe ich in fast utopischer Erinnerung, als unbeschwerte Zeit. Tagsüber schreiben alle, zimmern an ihren verfallenen Häusern und abends treffen sie sich zu Festen am Lagerfeuer.

DAHN: Entschuldige mal, das klingt so abgehoben. Du hast sehr gern mit Olaf, dem Sohn vom Bauernhof nebenan, Puppenstube gespielt.

LAABS: Jedenfalls verkläre ich diese Kindheit rückblickend ein bisschen. Und dann kam die Wendezeit und diese große Verunsicherung. Und selbst, wenn ihr bemüht wart, uns Kinder das nicht so spüren zu lassen, war da doch ein Gefühl von: Etwas Merkwürdiges liegt in der Luft, und die Erwachsenen sind sich auch nicht so sicher, wie sie vielleicht sein wollten.

DAHN: Laura war mit uns am 4. November 1989 auf dem Alex und hörte diese Wendereden, die hat sie dann als Vierjährige vor ihren Kuscheltieren nachgeahmt: „Wir sind das Volk!“, und dazwischen Nonsens-Kindersätze und erfundene Wörter. Dann sollten wir aus unserer Reihenhaussiedlung in Adlershof raus, alle. Wegen Rückübertragungsansprüchen. Wir haben mit den Kindern die Straße blockiert, das Adlergestell.

LAABS: Wir waren auch mal bei einer Demo für den Abtreibungsparagrafen.

DAHN: Ja, natürlich.

LAABS: In dieser Zeit wurde so vieles neu verhandelt. Das Alte war entwertet und das Neue noch nicht richtig da. Aber für uns Kinder hat sich das gar nicht so verunsichernd angefühlt, eher wie eine Chance.


Diese gescheiterte DDR-Utopie rührt mich und geht mich dann eben doch was an.

Laura Laabs, 35


Fühlen Sie sich ostdeutsch, Laura?

LAABS: Ja. Ich fühle mich nun nicht gerade der DDR als Staat verbunden. Aber diese gescheiterte Utopie rührt mich und geht mich dann eben doch was an.

Lesen Sie die Bücher Ihrer Mutter?

LAABS: Es führt ja kein Weg daran vorbei. Die Gespräche bei uns zu Hause waren oft davon bestimmt, was im aktuellen Buch verhandelt wurde. Selbst Artikel kamen irgendwie auf den Abendbrottisch. Da habe ich viel mitgekriegt und bin politisch geprägt worden. Aber ich habe weniger als sie das Gefühl, ich müsste mich an der DDR abarbeiten.

Wann haben Sie „Flucht in die Wolken“ gelesen, das Buch über den Selbstmord Ihrer Tante, die Sie nie kennengelernt haben? Ihre Großmutter hat es unter dem Pseudonym Sibylle Muthesius geschrieben.

LAABS: Tja, wann war das? Bei der Bewerbung für die Film-Uni musste man sagen: Was ist ein Projekt, das man gerne mal machen würde? Und da habe ich kühnerweise gesagt: Ich würde dieses Buch verfilmen. Da sind wir wieder bei der Familie, dem Stoff, an dem man sich abarbeitet. Das habe ich damals leichtfertig gesagt, im Moment könnte ich mir das nicht vorstellen. Das wäre mir zu … ja, was denn eigentlich? Zu nah oder zu behauptet, jetzt diejenige sein zu können, die mit dieser Geschichte umgeht.

Es war ein Kultbuch in der DDR. Viele Jugendliche haben sich damals in der jungen Frau, ihrer Offenheit, ihren Zweifeln wiedergefunden. Zum ersten Mal wurde so offen über psychische Krankheiten geschrieben.

DAHN: Es hat zehn Jahre gedauert, bis das Buch erscheinen konnte. Der Kulturminister war dafür. Aber es gab Gegengutachten vom Gesundheitsministerium. Es wurde als Angriff auf die DDR-Psychiatrie gesehen, als Einführung der Freud’schen Sichtweise. Und das Schicksal meiner Schwester schien viel zu tragisch für den Sozialismus zu sein. Aber das Buch erschien eben doch, 1981.


Sony war klug, witzig, kreativer als ich. Je älter ich werde, desto mehr fehlt sie mir.

Daniela Dahn über ihre Schwester, die sich mit 19 das Leben nahm


War das Schicksal Ihrer Schwester Thema in der Familie?

DAHN: Ja, ein immer wiederkehrendes Thema, ein großer Schmerz. Wir wollten herausfinden, wie vermeidbar wäre ihr Selbstmord gewesen. Es geht natürlich um Schuldfragen. Wir waren überfordert, die Ärzte waren überfordert, alle waren überfordert. Meine Schwester war natürlich am meisten überfordert. Und ja, meine Eltern sind unterschiedlich damit umgegangen. Sie waren ja auch unterschiedliche Charaktere. Mein Vater war immer ein bisschen radikaler, der hat gesagt: Ich hätte es an ihrer Stelle wahrscheinlich genauso gemacht. Meine Mutter hat mehr darüber gegrübelt: Was hätten wir anders machen müssen, was hätten andere anders machen müssen? Was stimmte an diesem Krankenhaus nicht? Da stimmte vieles nicht. Im Westen war man ein paar Jahre voraus, aber so viel besser war es da auch noch nicht. Und ich kann nur sagen, die Lebensweisheit: „Die Zeit heilt alle Wunden“, stimmt vorübergehend. Aber je älter ich werde, desto mehr fehlt sie mir.

Daniela Dahn mit Tochter Laura Laabs.

Waren Sie sich sehr nah?

DAHN: Ja, Sony war zweieinhalb Jahre jünger, wir konnten gut miteinander spielen, später reden. Sie war klug und witzig, kreativer als ich.

LAABS: Ich bin heute deine einzige Verwandte, sonst gäbe es da noch einen anderen Teil der Familie und ein paar junge Menschen. Aber so sind wir uns doch in besonderer Weise verbunden.

DAHN: Die fehlende Verwandtschaft liegt auch an der deutschen Geschichte. Die jüngere Schwester meiner Mutter, eine sehr schöne Frau, hatte in der Nazizeit einen Verlobten, als der von dem jüdischen Vater erfuhr, hat er sofort die Mücke gemacht. Und nach dem Krieg war ein riesiger Männermangel. Beide Schwestern haben nur alte Männer bekommen, die keine Kinder mehr wollten.

Sie haben sich mit der Geburt Ihrer Tochter auch Zeit gelassen, vor allem für DDR-Verhältnisse, Daniela.

DAHN: Ja, die Geschichte meiner Schwester hat mich natürlich verunsichert. Würde ich eine gute Mutter sein? Es ist ja oft so, dass man die Fehler bei den Eltern sieht, aber genau dieselben macht. Man kommt nicht raus aus der Rolle. Ich war dann 35 und es war das einzig Richtige. Ich bin sehr glücklich, diese Laura zu haben.

LAABS: Da hatte ich ja doppelt Glück: Mit deiner Entscheidung und mit dir. Und vielleicht komm ich ja auch noch in die Versuchung, eure Fehler mal an meine Kinder weiterzugeben. Ich bin ja jetzt auch 35 …


Er war der Sohn einer Alleinerziehenden, wo immer das Geld knapp war. Er wusste, wie es Leuten geht, die sozial nicht so gut dastehen.

Daniela Dahn über ihren Vater Karl-Heinz Gerstner


Was hat eigentlich Karl-Heinz-Gerstner in Ihrer Familie für eine Rolle gespielt, unser alter Kollege?

DAHN: Über ihn hatte ich als Kind eine Beziehung zur Berliner Zeitung, ich bin zu den Weihnachtsfeiern im alten Haus in der Nuschkestraße gegangen, er brachte mir Bücher aus der Verlagsbibliothek mit. Sein Einfluss wäre ein abendfüllendes Thema. Er war schon der Dominante, auch für mich. Er nahm mich als Schülerin oft mit zu öffentlichen Foren, und ich dachte immer: Oh, jetzt diese Frage wieder. Was soll er denn dazu sagen?

LAABS: So ging es mir aber auch bei Lesungen von dir.

DAHN: Das glaube ich. Er war, mehr als meine Mutter, fürsorglich anderen Menschen gegenüber. Er war der Sohn einer Alleinerziehenden, wo immer das Geld knapp war. Er wusste, wie es Leuten geht, die sozial nicht so gut dastehen.

LAABS: Er hat diese Menschen ernst genommen, sich für ihre Lebensumstände wirklich interessiert.

DAHN: Auf seine sonntägliche Wirtschaftsbetrachtung bei Radio DDR bekam er jeden Monat so 500 Briefe: Wir brauchen dringend eine Wohnung. Wenn ich jetzt kein Telefon kriege, als Arzt! Oder: Die Sickergrube muss jetzt kommen, sonst gehe ich nicht zur Wahl!

Er hat auch Ihrer Mutter geholfen damals in Paris. Wie gefährlich war das für ihn als deutschen Diplomaten?

DAHN: Ihre Anwesenheit musste geheim bleiben. Aber viel gefährlicher war seine Doppelrolle als Angestellter der Wirtschaftsabteilung und Maulwurf der Résistance in der Botschaft. Zu seinen Dienstaufgaben gehörte, für den Warenverkehr zwischen besetztem und unbesetztem Gebiet Passierschein-Empfehlungen auszuschreiben. Sein Freund aus der Résistance, ein Georgier, brachte ihm Anträge von gefährdeten Personen, die so entkommen konnten. Bald fiel auf, dass die Wirtschaftsabteilung mehr Laissez-passers ausstellte als alle anderen. Sein Chef, ein Herr Dr. Knoll, sagte zu ihm: Ich hoffe, Sie können bei Nachfragen mit den Gründen überzeugen. Nach dem Krieg traf er diesen Dr. Knoll in Berlin wieder, als Mitglied der KPD. Die beiden hatten sich so voreinander verstellt, dass ihnen ihre Nähe gar nicht aufgefallen war.


Warum sollten wir uns mit diesem Deutschland besonders identifizieren?

Laura Laabs, Regisseurin


Was Ihre Mutter und Großmutter empfunden hat, dass sie nie richtig in eine Gesellschaftsordnung gepasst hat, geht Ihnen das auch so?

DAHN: Wer passt schon in eine Gesellschaftsordnung? Vielleicht haben wir alle nur in die paar Wochen gepasst vor und nach dem Mauerfall, als wir dachten, jetzt sind wir mal Subjekt der Geschichte. Und nicht immer Objekt.

LAABS: Das Land, aus dem ich komme, gibt es nicht mehr. Und wir mit unserem teils jüdischen, teils sozialistischen Hintergrund, warum sollten wir uns mit diesem Deutschland besonders identifizieren? Das Nichtidentifizieren ist aber, glaube ich, auch eine sehr produktive Kraft, ein Stachel der Unzufriedenheit, und für künstlerische Berufe wie unsere ist das hilfreich.

Haben Sie eigentlich ein Kleid Ihrer Mutter hier, das Sie uns zeigen können?

DAHN: Vielleicht das altrosé Samtkleid von Balenciaga. Das hat sie immer am Heiligen Abend getragen, wohl sieben Jahrzehnte lang.

LAABS: Traut sich natürlich keiner von uns, das anzuziehen. Weil das so krass mit ihr verbunden ist.

Warum hing sie so an diesem Kleid? Ausgerechnet an dem?

LAABS: Das war ihr einziges Haute-Couture-Kleid. Und geschenkt bekommen hatte sie es von ihrem Mann, meinem Großvater.


Nachtrag: Kurz nach dem Gespräch schrieb uns Laura Laabs in einer Mail: „Am Tag nach dem Interview bin ich den gleichen Weg noch mal abgelaufen. Und tatsächlich – in einer Ritze zwischen den Pflastersteinen lag er noch, der Perlenclip von meiner Großmutter! Also nehmen wir mal an, alles ist gut.“


Hartmann Books

Sibylle Boden-Gerstner

wurde 1920 geboren. Ihre Mutter und ihr jüdischer Vater, der in der NS-Zeit in einem Zuchthaus umkam, betrieben eine Kürschnerei in Breslau. Sibylle Boden musste ihr Mode-Studium in Berlin abbrechen und lebte mit ihrem späteren Mann Karl-Heinz Gerstner in Paris in der Illegalität. 1956 gründete sie die DDR-Modezeitschrift Sibylle, arbeitete später als Kostümbildnerin und Dolmetscherin. 1981 erschien unter dem Pseudonym Sibylle Muthesius ihr Buch „Flucht in die Wolken“ über ihre künstlerisch hochbegabte und psychisch kranke Tochter Sonja, die sich mit 19 das Leben nahm. Sibylle Boden-Gerstner starb 2016 in Berlin. Wenige Tage zuvor war in Rostock die Ausstellung „Sibylle“ eröffnet worden, der gleichnamige Sammelband erschien 2017 bei Hartmann Books.


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