Son Dakika

Zehn russische Orte in Berlin, die man kennen muss

Berlin – Von Charlottengrad hat jeder schon mal gehört. Manche von Moskölln. Doch gibt es dort auch das beste Schaschlik der Stadt? Die zärtlichsten Peitschenhiebe? Oder die angesagteste Kunst gegen Burn-out?  Ein Spaziergang durch das russische Berlin. Hier entlang.

Zwischen Blumen und Wodka

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Bombastisch oder angemessen? Sowjetisches Ehrenmal im Treptower Park

Es ist kein russischer Ort, auch wenn viele der Menschen, die ihn besuchen, Russisch sprechen, auch wenn es Inschriften in russischer Sprache gibt. Es ist nicht das „Russische Ehrenmal“, wie manche Leute sagen. Aber die sagen wahrscheinlich auch, dass Russland den Krieg gegen die Deutschen gewonnen hat. Es war die Sowjetunion. Der Ort heißt Sowjetisches Ehrenmal im Treptower Park.

Dort liegen 7.000 der 80.000 Soldaten der Roten Armee begraben, die in der Schlacht um Berlin ihr Leben verloren haben. Der Krieg war, nach Moskauer Zeit, am frühen Morgen des 9. Mai 1945 endgültig gewonnen. Seitdem wird am 9. Mai der Tag des Sieges gefeiert. Am Ehrenmal in Treptow feiern ihn Zehntausende in jedem Jahr. Viele sind Kinder oder Enkel von Menschen, die in der Sowjetunion gelebt haben, die sich an sie erinnern, vor allem aber: an diesen Krieg, den Großen Vaterländischen, an die unfassbar hohe Zahl der sowjetischen Opfer, an den großen Sieg. An die Menschen aus ihren Familien, die ihn erkämpft haben.

Vor ein paar Jahren kamen wir mit unserem Freund Pavel her, der in Leningrad geboren wurde, den zweiten Teil seiner Kindheit in Düsseldorf verbracht hat, seine Jugend in Berlin und der im Moment wieder in Moskau wohnt. Pavel erzählte von seiner Tante, die die Blockade von Leningrad überlebt hatte, fast 900 Tage Belagerung und Aushungern ihrer Stadt durch die Deutschen. 1,1 Millionen Menschen haben die Blockade nicht überlebt. Es war ein sonniger 9. Mai, wir saßen am Rand der Anlage, unter den Bäumen. In unserem Rücken die Gräber. Die Musikgruppen, die immer „Katjuscha“ spielen, waren weiter weg. Ich glaube, wir tranken Wodka auf Pavels Tante, alle aus dem gleichen Glas, was damals noch ganz normal war.

Seit vielen Jahren besuche ich das Ehrenmal am 9. Mai, lege Blumen ab. Ich habe in Berlin nie so viele Blumen gesehen wie an diesem Tag an diesem Ort. Ich sehe hinauf zu der zwölf Meter hohen Statue des Soldaten. In der Schule in Ost-Berlin habe ich gelernt, dass das Kind auf seinem Arm das junge, unschuldige Deutschland darstellen solle. Jedes Jahr frage ich mich, ob das stimmen kann.

Das Ehrenmal wurde am 8. Mai 1949 eingeweiht. Drei Jahre Planung und Bau, 40.000 Kubikmeter Granit. Die Anlage ist mehr als neun Hektar groß. Manche nennen sie bombastisch. Man kann sie auch mindestens angemessen nennen. Angesichts von 27 Millionen sowjetischen Kriegstoten. Gerade wird sie denkmalgerecht saniert, die Arbeiten verzögern sich.

Es gibt drei weitere Sowjetische Ehrenmale in Berlin. Eins im Tiergarten, eins im Schlosspark von Buch, eins in der Schönholzer Heide in Pankow. Ein stiller, wenig bekannter Ort, an dem mehr als 13.000 Soldaten der Roten Armee begraben sind. Auch dort kann man am 9. Mai und an anderen Tagen gedenken. Wiebke Hollersen

Sowjetisches Ehrenmal im Treptower Park: Am Treptower Park 50. Der Zugang über die Puschkinallee ist auch während der Sanierungsarbeiten durchgehend geöffnet. 

Ein halber Lenin im Wald

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Psst, nicht stören: Lenin schläft.

Berlin ist die vermutlich einzige Stadt, in der Denkmäler errichtet, abgerissen und verscharrt, aber auch wieder ausgegraben und aufgestellt werden. So jedenfalls erging es Revolutionsführer Wladimir Iljitsch Lenin, schwerer ukrainischer Granit, 19 Meter hoch, eins von rund 6000 Lenin-Denkmälern weltweit.

Nikolai Tomski, Präsident der sowjetischen Akademie der Künste, ließ den Berliner Lenin bauen. Walter Ulbricht weihte ihn 1970 anlässlich Lenins 100. Geburtstag am Volkspark Friedrichshain ein. Der Berliner Senat gab 1991 den Auftrag zum Abriss, obwohl Lenin auf der Denkmalliste stand. Eine Reinickendorfer Abrissfirma führte den Auftrag aus, zerlegte die Statue in 129 Teile und vergrub sie im Köpenicker Wald.

2009 beschloss die Historikerin Andrea Theissen, Lenin in der Zitadelle Spandau auszustellen, nur den Kopf. Theissen kämpfte sechs Jahre lang. Gegen den damaligen Stadtentwicklungssenator Michael Müller, der behauptete, Lenin sei nicht mehr zu finden, die Unterlagen seien weg, aber auch gegen Naturschützer. Die hatten herausgefunden, dass sich Zauneidechsen auf dem Lenin-Hügel angesiedelt hatten.

Tipps: Es gibt ein Forsthaus in der Nähe

2015 war es so weit. Lenins Kopf wurde aus dem Hügel gehoben und auf einem Sattelschlepper ins tiefe West-Berlin gefahren. Seitdem ist er in der Dauerausstellung „Enthüllt. Berlin und seine Denkmäler“ zu sehen. Auf der Seite liegend, gar nicht stark und pompös, sondern eher schwach und verletzlich wirkend.

Die anderen 128 Teile der Skulptur sind im Köpenicker Wald geblieben. Sie auf der Halbinsel zwischen Seddinsee und Großer Krampe zu finden, ist nicht leicht. Aber hier sind ein paar Tipps: Es gibt ein Forsthaus in der Nähe und einen alten NVA-Schießplatz. Und manchmal hinterlassen Fans des Gründers der Sowjetunion ihre Spuren, schreiben mit Steinen Lenins Namen auf den Hügel – wie auf einem Grab. Anja Reich

Lenins Kopf: Enthüllt. Berlin und seine Denkmäler, Zitadelle Spandau. Montag bis Sonntag von 10 bis 17 Uhr, wegen Corona derzeit geschlossen. Der Lenin-Hügel: Müggelheim, Halbinsel zwischen Seddinsee und Großer Krampe

Zwei Zelte im Tiergarten

Ein knapp über Kniescheibenhöhe amputierter Wladimir Putin aus Pappe schaut nach links. Richtung Reichstagsgebäude. In seinem Blick: eine Portion Misstrauen, eine Prise Überraschung. Vor ihm lächelt eine Frau. Die Journalistin Anna Politkowskaja. Auch aus Pappe. Aber nur ein Kopf. Eine Gedenktafel. Darunter drei Botschaften: Ermordet. Und: Tatort Russland. Und: #stopputinsterror.

Seit etwa einem Monat stehen zwei weiße Zelte im Tiergarten, sitzen und arbeiten, debattieren und schlafen Menschen darin. Daneben eine Leinwand. Platz für Reden. Grußworte. Sie nennen es Demokratie-Camp und sind sehr überzeugt davon, dass Putin selbst mit der Lupe besehen ein Despot ist, ein Verbrecher. Einer, der Journalisten und Aktivisten erschießen oder vergiften lässt. Einer, der Lügen verbreitet, die Destabilisierung und Spaltung Europas vorantreibt. Und der den wichtigsten Oppositionspolitiker gefangen hält: Alexei Nawalny. Ihn nicht freilassen will.

Das Camp ist ein Ort der Begegnung. Aber nicht immer begegnen sich dort Menschen, die einer Meinung sind. Dann kommt es zu Streit. Manchmal wird eine Rangelei daraus. Fliegen einige der 21 Erinnerungstafeln durch die Gegend. Der staatliche Fernsehsender Rossija 1 spricht von einem „Festival des Hasses gegenüber Russland“. Die Demokratie-Camper sagen: „Wir wollen nicht, dass Putin und Russland gleichgesetzt werden.“ Der Papp-Putin sagt immer noch nichts. Schaut stramm nach links. Ist da vielleicht auch eine Messerspitze Sorge in seinen Augen? Am Sonnabend, dem Tag der Befreiung, ist ein ökumenischer Gottesdienst geplant, am Sonntag die Schlusskundgebung.  Dann verschwinden die Zelte wieder. Die Vorwürfe werden bleiben.

Demokratie-Camp Zwischen Reichstagsgebäude und Brandenburger Tor, noch bis zum 9. Mai

Ein Ort der Stille

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Museum der Stille: zurzeit leider geschlossen.

Die graue Fassade des Gründerzeithauses Linienstraße 154 A fällt auf durch eine tiefrot verhangene Fenster-Reihe. Dazwischen ist an der Fassade eine Gedenktafel angebracht, ein rotes Dreieck mit der Spitze nach unten, wie es die politischen Häftlinge in den NS-Konzentrationslagern auf der Sträflingskluft tragen mussten. In diesem Haus lebte einst Magarete Kaufmann aus St. Petersburg, wegen illegaler Agitprop-Arbeit gegen Hitler verhaftet, deportiert, ermordet 1942 in Auschwitz.

Dieses Haus hat sich vor Jahren der russisch-deutsche Maler Nikolai Makarov, geboren 1952 in Moskau, 1975 übersiedelt in die DDR, ausgesucht. Nicht zuletzt wegen der Gedenktafel für die Petersburgerin, aber auch wegen der Lage in der geschichtsträchtigen Mitte Berlins. Der Ort, an dem sich in den wilden Nachwende-Neunzigern ein lauter Club befand, ist nun einer der Stille – für säkulare Kunst-Andacht. Kunst-Therapie mithilfe der Malerei, gegen das Burn-out-Syndrom im rastlosen Kunstzirkus, dem auch einst Makarov mit seinen legendären Atelierpartys angehörte.

Seit 2014 ist es ihm der Platz fürs Zu-sich-Kommen, fürs Entschleunigen. Makarov, der einst beim AdK-Meister Werner Klemke studierte, zählt heute in den USA und in Paris zu den gefragten Malern. In Berlin kennen Kunstfreunde den äußerlich einem russisch-orthodoxen Mönch ähnlichen Künstler durch seine geheimnisvollen Hell-Dunkel-Porträts und meditative Motive von alten Berliner Toreinfahrten und Treppenhäusern. Ingeborg Ruthe

Museum der Stille: Linienstraße 154 A (Mitte), Eintritt frei, derzeit wegen des Lockdowns geschlossen

Das beste Schaschlik der Stadt

Wenn mich die Sehnsucht nach Russland packt, setze ich mich in die Ringbahn und fahre zum Supermarkt „Intermarkt Stolitschniy“. Allein der Weg an der Landsberger Allee entlang erinnert mich an meine Studienzeit in Moskau. Rechts die großen grauen Bauten und links die vielen Autos, die auf der sechsspurigen Allee an mir vorbeirasen. Alles ist laut, ist grau, aber dennoch irgendwie aufregend. Auf dem Supermarktparkplatz, vor dem kleinen Imbiss, wartet bereits eine Menschentraube auf Fleisch. Ein Grill, zwei Pavillons, drei Stehtische – das ist alles, was es braucht, um das beste Schaschlik der Stadt zu zaubern.

Ein russischsprachiger Mann mit Glatze brät und dreht gekonnt die Spieße. Während ich in der Schlange warte, beobachte ich meine Umgebung, denke an Moskau, wo ich oft am Wochenende im Gorki Park große Portionen Schaschlik mit Zwiebeln bestellte. Der Glatzköpfige nickt in meine Richtung und gestikuliert, dass ich an der Reihe sei. Mit Vorfreude bestelle ich: „Eine Portion Schaschlik.“ Ein wenig Geduld gehört dazu, aber dann streift der Grillmeister das Fleisch mit seinem wuchtigen machetenartigen Messer vom Spieß ab und serviert es auf einem schnöden weißen Pappteller mit Plastikbesteck. Als Beilage gibt es eingelegte Zwiebeln, zwei Scheiben Weißbrot und Tatarische Soße. Oder einfach nur Ketchup. Der Kwas kommt im Plastikbecher.

Am Stehtisch esse ich alleine, bin dabei aber in netter und vertrauter Atmosphäre. Ich lausche den Unterhaltungen auf Russisch und fühle mich sofort wohl. Gedanklich bin ich wieder in Moskau, follow the Moskva, down to Gorki Park. Meine Portion esse ich viel zu schnell auf, werfe das Papiergeschirr in den Mülleimer und mache mich dann wieder auf den Heimweg. Nach Berlin. Beatrice Linzmeier

Imbiss vor dem Intermarkt Stolitschniyk Landsberger Allee 116 (Lichtenberg)

Beatrice Linzmeier (geb. Grundheber) ist Bloggerin und arbeitet als Redakteurin sowie Fotografin für ihr Blogprojekt „berlinograd.com“. Dort beleuchtet sie das russische Leben in Berlin, wobei die Vorstellung russischsprachiger Kreativer, ihrer Geschichten und ihres Schaffens in Deutschland im Mittelpunkt stehen.

Moskauer Eis!

Es fing mit dem Eis an. Es war an einem ungewöhnlich heißen Sommertag, ich war auf dem Rückweg vom Büro. Ich war erschöpft und an den Schönhauser Arkaden hätte ich mich am liebsten auf den Asphalt gelegt und alle meine Energie darauf konzentriert, die unerträglich heiße Luft zu atmen. Ich stieg vom Rad ab und schob es über den Bürgersteig. Plötzlich stand ich in einer Seitenstraße vor einem kleinen Laden, Kasatschok hieß er. Das ist russisch und bedeutet kleiner Kosake.

Draußen stand ein Schild, es informierte darüber, dass drinnen Pelmeni, Krimsekt, schwarzer Kaviar sowie Moskauer Eis verkauft werden. Moskauer Eis! Fast ehrfürchtig betrat ich den kleinen Laden. Hinter dem Tresen saß ein altes Männchen, es schaute nach unten, vertieft in sein Handy, das nahm ich an.

Ich war verblüfft von den vielen Eissorten, als ob ich erwartet hätte, in einem russischen Laden müsste die Zeit stehen geblieben sein. Ganz hinten links fand ich das „Moroshnoje“, das ich suchte, ein schlichter Block Eis, gehalten von zwei Waffeln, eingewickelt in glänzendes Silberpapier. Ich legte eine Zwei-Euro-Münze auf den Tresen, der Mann schaute hoch, ich sah, dass er nicht mit seinem Handy beschäftigt war, sondern in einem alten Buch mit vergilbten Seiten las. Einem echten Buch!

Ich fühlte mich wie auf dem Newski Prospekt

Das erinnerte mich an meinen Aufenthalt in St. Petersburg vor vielen Jahren, ich teilte mir ein winziges Zimmer mit drei finnischen Wanderpredigern am Rande der Stadt. In der U-Bahn saßen die Menschen mit Romanen auf dem Schoß. Es rührte mich, wie sehr die Russen Bücher liebten.

Das konnte ich dem Mann aber nicht erklären, also schob ich ihm die Münze mit einem „Pashalysta“ rüber. Ich öffnete das Silberpapier und nahm das Eis heraus. Es schmeckte sahnig-karamellig und so viel besser als das, was man im Supermarkt als „Eis Moskauer Art“ bekommt. Ich saß auf dem Grünstreifen zwischen den Fahrbahnen, links und rechts brausten die Autos vorbei, davor ratterte die U-Bahn, aber ich fühlte mich wie auf dem Newski Prospekt. Sabine Rennefanz

Kasatschok: Schivelbeiner Str. 49 (Prenzlauer Berg)

Gut für Haut und Muskeln

Die Saunakultur gehört ebenso zu Russland wie zu Skandinavien oder der Türkei. Schon in der Nestorchronik, dem im 12. Jahrhundert verfassten Schlüsseltext des frühen ostslawischen Raums, wurde berichtet, wie die Russen in ihren hölzernen Dampfhäusern den Stress und Dreck des Alltags nicht einfach nur ausschwitzten, sondern mit Weniki (geweichten Eukalyptus- oder Birkenzweigen) ausschlugen. Manchmal ist es auch ein zärtliches Peitschen.

Auf jeden Fall ein Erlebnis und auch in Phase zwei eher nichts für empfindliche Gemüter. Denn nach der extremen Hitze und der Selbstgeißelung soll man in ein eiskaltes Wasserbad eintauchen. Und wie neu geboren wieder auftauchen. Zumindest neu belebt. Diese altehrwürdigen Rituale bringen gesundheitliche Vorteile, sie sind gut für die Hautdurchblutung und die Muskelentspannung.

Für russische Wahlberliner oder deutsche Russlandfreunde

Eine traditionelle Banja (Dampfbad) ist deshalb oft in Russlands Großstädten zu finden – und  in Moabit. Im passend betitelten Badehaus „Berezka“ (Birke) bekommt man genau das russische Banja-Erlebnis, das man auch in einer Moskauer Kiezsauna erwarten würde. In den beiden Holzkammern, wo einmal die Stunde aufgegossen wird, steigen die Temperaturen auf mehr als 100 Grad. Die Weniki kann man vor Ort kaufen oder vorab bestellen.

Es ist auch nicht nur die heilende Kraft der Natur, die den fundamental russischen Charakter bei Berezka ausmacht. Nach dem Aufguss kann man in der angrenzenden Bar – hier beginnt Phase drei – Bier und Pelmeni zu Karaoke mit russischsprachigen Popsongs genießen.  Sehr zu empfehlen für russische Wahlberliner oder deutsche Russlandfreunde, die pandemiebedingt auf eine Reise in den Osten verzichten müssen. Elizabeth Rushton 

Russische Sauna Berezka: Stromstraße 50, Moabit (Eintritt €13 für vier Stunden)

Fünf Türme in bester Lage

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Fünf Türmchen in Wilmersdorf: die Christi-Auferstehungs-Kathedrale.

Im Sommer 1936 war noch undenkbar, dass sich nur drei Jahre später die Sowjetunion und das Deutsche Reich, Stalin und Hitler ruchlos über die Zerschlagung Polens, der baltischen Staaten, Finnlands, der Tschechoslowakei und Rumäniens einigen könnten. Orthodox-Christlich glaubende Russen im Deutschen Reich konnten ganz im Gegenteil mit einer gewissen Rücksicht der Nazis rechnen, da sie als antikommunistisch galten. Als die NSDAP das Grundstück der erst 1928 errichteten Russisch-Orthodoxen Kirche von Berlin in der Ruhrstraße beanspruchte, ein romantisch mit vielen Zwiebeltürmchen als Abschluss einer Reihe von Mietskasernen errichteter Bau, gab es also ein Ersatzgrundstück. Beste Wilmersdorfer Lage und mit Garten, sodass die Kirche nun frei stehen konnte.

Ministerialrat Karl Schellberg plante einen zierlichen Bau, Heimat einer armen Exilgemeinde, finanziert durch Spenden aus der ganzen Orthodoxie und von der evangelischen Kirche. Vage orientierte sich der Architekt an mittelalterlich-russischen Vorbildern, ohne dass das aber im Innen zu erleben ist: Die vier Eckkuppeln stehen nämlich nur auf dem Dachstuhl, allein die große Hauptkuppel über der Ikonostase ist zu sehen. Diese hatte die Gemeinde in den 1920ern aus der nach dem Ende der russischen Herrschaft in Polen überflüssig gewordenen Kasernenkirche in Minsk Mazowiecki bei Warschau gekauft und sie trennt nun auch in Berlin den Altar- vom Gemeinderaum. Doch weil die üblichen Pfeiler unter den Kuppeln fehlen, wirkt der Raum weit offener, sozusagen evangelischer als traditionelle orthodoxe Kirchen.

Die einstige Rolle der Kathedrale als Berliner Zentrum der antikommunistischen Orthodoxie war übrigens schnell vorbei: Sofort nach der Eroberung/Befreiung Berlins 1945 unterwarf die sowjetische Besatzungsmacht die Berliner Gemeinde dem Moskauer Patriarchat, das bis heute immer regimetreu blieb. Nikolaus Bernau

Christi-Auferstehungs-Kathedrale: Hohenzollerndamm 166 (Wilmersdorf)

Wo Filmgeschichte geschrieben wurde 

ZLB, Berliner Leben

Heute erinnert nur noch eine Denktafel an das Appollo-Theater.

Die Gedenktafel am Haus in der Friedrichstraße 218 verweist zwar in Großbuchstaben auf das Apollo-Theater, das hier stand und im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde. Wichtiger sind die Informationen darüber und darunter. Oben erwähnt ist die Uraufführung von Paul Linckes Operette „Frau Luna“. Unten: „Am 29. April 1926 begann im Apollo mit der deutschen Erstaufführung Sergei Eisensteins ,Panzerkreuzer Potemkin‘ der Siegeslauf eines Films.“ Das ist noch nüchtern ausgedrückt.

Dieser Film erfuhr in der Weimarer Republik ein Echo wie kein anderer, begeisterte Kritiken erschienen, auch Walter Benjamin und Lion Feuchtwanger priesen seien Wirkung. „Nach Potemkin war das deutsche Kino nicht mehr das gleiche wie vorher“, urteilt der Berliner Filmhistoriker Ulrich Gregor. Eisensteins Werk erreichte die Stadt in der Zeit fruchtbarster Beziehungen zu russischen Künstlern, etliche hatten sich hier niedergelassen. Doch gerade vor dem Film, Produkt dieser noch jungen, so realistisch wirkenden und massentauglichen Kunstform fürchtete sich die Politik, fürchtete sich auch die Reichswehr. Schließlich sind da meuternde Matrosen zu sehen.

Schon nach einer Aufführung im kleinen Kreis im Januar wurde „Panzerkreuzer Potemkin“ von der Filmprüfstelle Berlin erst verboten, nach Widerspruch durch die Oberprüfstelle wieder erlaubt, allerdings zensiert. Dabei verschwand sogar die berühmteste Szene: der langsame Treppensturz des Kinderwagens. Dennoch fand Eisensteins Film sein Publikum. Das Apollo-Kino war bald zu klein, er wanderte in größere Säle und in 125 Städte.

Im Juli wurde der Film erneut verboten. Alfred Kerr, berühmt als Theaterkritiker, bekannt als Feuilletonist, reimte daraufhin: „Das Hauptgesetz ist: ,Mensch sei helle!‘ —/ Ich habe darum auf alle Fälle/ Heiter-bewegt/ Mein Amt in der Filmoberprüfstelle/ Niedergelegt.“ Das Gedicht erschien im Berliner Tageblatt am 19.7.1926. Cornelia Geißler

Wohnhaus anstelle des Apollo-Theaters: Friedrichstraße 218 (Kreuzberg)

Streunende Hundegeister im Kino

Neben den Vögeln sind Krokodile bekanntlich die letzten lebenden Saurier. Wieso hat es den Großteil der Dinos dahingerafft, wenn Krokodile weiterhin glücklich durch die Sumpfgebiete des Planeten waten? Eine biologische Erklärung besagt, dass Krokodile als Kaltblüter nicht darauf angewiesen sind, ihren Stoffwechsel permanent neu in Gang zu bringen. Sie können so auch lange Ruheperioden ohne Futter überstehen.

Wie sehr wünscht man dem Kino Krokodil in post-pandemischen Zeiten eine vergleichbare Ausdauer und Beharrlichkeit. Der Name „Krokodil“ geht auf den Künstler Alex Flemming zurück, der Anfang der 90er-Jahre mit Tierfiguren arbeitete. Eine dieser Figuren hängt an der Decke des Vorraums, der auch als Ausstellungsraum dient. Krokodil, das klingt bissig und heißt im Russischen und im Deutschen gleich.

Das Kino, vor über 100 Jahren von David Heimann als Kino Nord eröffnet, liegt nur ein paar Straßen nördlich vom Helmholtzplatz. In der Rückschau wirkt der Ort wie ein Prisma Berliner Ostgeschichte: das Kino Nord existierte bis kurz nach Mauerbau. Nach dem Mauerfall stand es leer, später übernahm die Yorck-Gruppe. Gabriel Hageni, der das Kino 2004 als „Kino Krokodil“ wiedereröffnete, war nach dem Abitur ein halbes Jahr nach Kaliningrad gegangen. Doch sein Osteuropa-Spleen ist keine ostalgische Verklärung oder fahle Sowjet-Romantik. Der Schwerpunkt des Programmkinos liegt auf aktuellem russischen Film und den oft scharfkantigen Debatten, die er anstößt.

Oft geht es um Fragen ideologischer Orientierungslosigkeit und die Suche nach Identität. Mein persönliches Highlight im Kino Krokodil: Der Film „Space Dogs“, der dem Nachleben Laikas nachspürt. Genau, jener Straßenhündin, die einst als erstes Lebewesen von der Sowjetmacht ins All – und so in den sicheren Tod – geschickt wurde. Einer Legende nach kehrte sie als Geist zurück und streift seitdem durch Moskaus Straßen. Wo sonst könnte man so einen Film besser sehen außer im Kino Krokodil? Richtig: nirgends. Hanno Hauenstein

Kino Krokodil: Greifenhagener Str. 32 (Prenzlauer Berg)

Diese Texte sind in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.

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