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Wie ich versuchte, einen zum Tode Verurteilten zu retten, und dabei scheiterte

Reklam

BerlinIm Frühjahr 1998, als ich meinen zum Tode verurteilten Mandanten Johnny Joe Martinez kennenlernte, war der texanische Todestrakt in einem veralteten Gefängnisgebäude (der „Ellis Unit“) in Huntsville, Texas, untergebracht. Huntsville liegt gut vier Stunden von Houston, Texas, entfernt. Die Stadt war damals Sitz meines Arbeitgebers, des Texas Defender Service, einer NGO-Kanzlei, die zum Tode verurteilte Menschen vertritt.

Huntsville, Texas, ist eine unscheinbare mittelgroße Stadt, die von zwei Institutionen geprägt ist: erstens vom Texas Department of Criminal Justice (der Gefängnisbehörde, deren Hauptsitz sich in Huntsville befindet) und zweitens von der Sam Houston State University. Man fährt an Feldern vorbei, auf denen Häftlinge arbeiten, die von berittenen Wächtern überwacht werden. Die Ackerarbeit ist mittlerweile freiwillig und wird bezahlt (kläglich, natürlich), weckt aber trotzdem unschöne Assoziationen (ich denke da an Sklaverei).

Wie ich Johnny Joe Martinez kennengelernt habe

Die Ellis Unit befindet sich im Nordosten der Stadt. Besucher parken und müssen sich dann auf einen fünf bis sechs Minuten langen Fußweg aufmachen, unter der erbarmungslosen texanischen Sonne, bis man das Eingangstor erreicht. Gleich davor steht ein drei Meter hoher Wachturm. „Papiere, bitte!“, ruft eine freundliche Gefängniswärterin aus der Kabine herab. Dann lässt sie einen an einem Seil befestigten Eimer herunter. In diesen wirft man den Personalausweis, die „Bar Card“ (das Mitgliedskärtchen der Rechtsanwaltskammer von Texas) und die Besuchsunterlagen. Nach einer kurzen Prüfung kommt der Eimer wieder herunter.

privat

Zum Autor

Andrew Hammel ist Schriftsteller, Übersetzer und in Texas als Rechtsanwalt zugelassen. Von 1996 bis 2005 vertrat er Todeskandidaten in den USA vor Gericht. Heute lebt er in Düsseldorf und berichtet regelmäßig unter anderem für die Frankfurter Allgemeine Zeitung über wichtige Gerichtsprozesse. Twitter: @AndrewHammel1

Danach muss man sehr viele Checkpoints passieren, außerdem viele Rolltüren. Im Besuchssaal des Todestraktes sitzen die Besucher vor Glasscheiben, die mit Maschendraht verstärkt sind. Die Gefangenen befinden sich dahinter. Dort habe ich Johnny Joe Martinez zum ersten Mal kennengelernt. Die polizeilichen Erkennungsfotos („mug shots“) von Martinez, die überall im Internet zu finden sind, täuschen. Auf den Fotos sieht er grimmig aus, in Wirklichkeit wirkt er aber ganz anders. Seine Stimme ist leise, er lispelt. Einige seiner Fingernägel sind sehr lang.

Erschütternde Videoaufnahmen vom Mord

Bei einem Erstgespräch ist das Ziel, sich gegenseitig kennenzulernen und Vertrauen aufzubauen. So war es auch hier: Wir redeten locker über das Leben, den Prozess, Martinez’ Freunde und Familie. Er wurde am 20. November 1972 in Corpus Christi, Texas, geboren. Corpus Christi liegt an der Golfküste von Texas, etwa drei Autostunden südwestlich von Houston entfernt. Der Name Corpus Christi passt zum Geist der Stadt: Die Mehrheit der 350.000 Einwohner hat „hispanische“ Wurzeln, ist also lateinamerikanischer Herkunft. Entsprechend katholisch-konservativ war dort auch das gesellschaftliche Klima.

Martinez saß im Todestrakt, weil er Clay Peterson am 15. Juli 1993 bei einem Tankstellen-Raubüberfall in Corpus Christi ermordet hatte. Peterson war damals 20 Jahre alt, das Gehalt vom Tankstellen-Job teilte er mit seiner alleinerziehenden Mutter Lana Norris. Peterson wollte Pfarrer werden. Am 15. Juli 1993 um circa 3.20 Uhr kam Johnny Joe Martinez betrunken in den Laden. Er schaute sich um, ging wieder auf die Straße. Nach ein paar Minuten kam er wieder zurück. Er hielt Peterson ein Messer an die Kehle, anschließend forderte er Geld. Peterson gab Martinez das Geld aus der Kasse. Danach stach Martinez unvermittelt auf Peterson ein, siebenmal in den Rücken. Martinez konnte davonrennen. Peterson rief die Polizei, wählte 911. Der Anruf wurde aufgenommen und später im Prozess der Jury vorgespielt. Die Geschworenen hörten einen Menschen, der im Sterben begriffen und sich dessen auch bewusst war. Die Videoaufnahmen waren ebenfalls erschütternd.

Der Staatsanwalt beantragte die Todesstrafe

Ein Fluchtwagenfahrer wartete draußen, hatte aber lediglich mit einem Raubüberfall gerechnet. Als er spürte, dass etwas viel Schlimmeres im Gange war, raste er davon. Martinez stand vor dem Laden, aufgelöst, hatte ein bluttriefendes Messer in der Hand. Zunächst lief er ziellos durch die Stadt, warf das Messer weg. Dann fand er ein Hotel mit einer Telefonzelle, rief die Polizei an und stellte sich. Ein Polizist teilte später bei Martinez’ Hauptverfahren mit, dass Martinez gleich nach seiner Verhaftung nach dem Zustand des Opfers gefragt hatte: „Der Junge, den ich niedergestochen habe … Lebt er noch?“ Martinez half der Polizei dabei, nach dem Tatmesser zu suchen. Doch vergebens. Er legte ein Geständnis ab, fragte dabei immer wieder nach dem Zustand des Opfers. Bei seinen Vernehmungen wiederholte er, dass er keine Ahnung habe, warum er die Tat begangen hatte. Es war ein Impuls, eine willkürliche Tat – eine Art Kurzschluss, herbeigeführt durch Alkohol, Hormonüberschuss und Verzweiflung.

Der Prozess fand im Dezember 1994 statt. Der Staatsanwalt beantragte die Todesstrafe. Martinez hatte Peterson während eines Raubüberfalls getötet. Derartige Kapitalverbrechen durften mit dem Tode geahndet werden. Ein Schuldspruch war unausweichlich. Nach dem Schuldspruch kam die Strafermessungsphase, in der, wie ich in einem früheren Beitrag geschildert habe, die Jury zwischen „lebenslänglich“ und Todesstrafe entscheiden muss. Damals in Texas lief das Verfahren so: Dieselbe Jury, die den Angeklagten für schuldig befunden hatte, musste in der Strafermessungsphase zwei aus Paragraf 37.071 der texanischen Strafprozessordnung abgeleitete Fragen beantworten. Erstens: Stellt der Angeklagte eine künftige Gefahr für die Allgemeinheit dar? Wenn ja, dann stellt sich die zweite Frage: Gibt es irgendwelche Strafmilderungsgründe, die gegen die Verhängung einer Todesstrafe sprechen?

Texas Department of Criminal Justice

Die Erkennungsfotos von Johnny Joe Martinez und die Aufzeichnungen der Polizei.

Martinez hat kein Kind getötet, kein Massaker angerichtet

In dieser zweiten Phase trägt der Staatsanwalt die Beweislast. Er muss alle zwölf Jurymitglieder überzeugen, dass die Todesstrafe im vorliegenden Fall die einzige passende Strafe ist. Gewöhnlich geht er ungefähr wie folgt vor: Erstens liest er der Jury das gesamte Vorstrafenregister vor. Dann ruft er die Opfer dieser Verbrechen in den Zeugenstand, um sie unmittelbar von der menschenfeindlichen Grausamkeit des Angeklagten berichten zu lassen. Auch Mitglieder der Familie des Opfers dürfen aussagen, um der Jury einen Einblick in die Folgen des Mordes für die Verwandten des Opfers zu geben. Familienmitglieder dürfen dabei aber keine Meinung zur „passenden“ Strafe zum Ausdruck bringen. Dann kommt das klassische Schlussplädoyer: „Damen und Herren der Jury, dieser Mensch wendet regelmäßig Gewalt an, um seine Probleme zu lösen, und hat dabei unschuldigen Menschen unendlich viel Leid zugefügt. Die einzige absolut sichere Methode, künftige Gewaltverbrechen und künftiges Leid zu verhindern, ist – ihn hinzurichten.“

Aber das war im Fall Martinez anders. Hier kam es zu vielen Merkwürdigkeiten. Der Staatsanwalt rief nämlich gar keine Zeugen auf. Außer der Grausamkeit des Mordes an sich hatte er eigentlich keine strafschärfenden Anhaltspunkte. Martinez war nicht vorbestraft. Er hat sofort Reue gezeigt, ein Geständnis abgelegt und der Polizei bei der Aufklärung der Tat geholfen. Auch konnte die gesamte Staatsanwaltschaft keinen Zeugen finden, der Martinez für gefährlich hielt. Nicht einmal die Mutter von Clay Peterson war willens, gegen Martinez auszusagen. Wie wir später sehen werden, hatte sie ihre Gründe. Der Staatsanwalt war ehrlich: Der einzige Beweis für die künftige Gefährlichkeit von Johnny Joe Martinez war der Mord an Clay Peterson. Zwar darf eine Jury auf die Gefährlichkeit eines Angeklagten mit Bezug auf einen einzelnen Mord schließen. Das passiert aber meistens erst dann, wenn der Mord an sich von besonderer Grausamkeit gekennzeichnet war. Selbstverständlich war der Mord an Clay Peterson verwerflich – Martinez aber hat kein Kind getötet, kein Massaker angerichtet, es gab keine Folter oder sexuellen Missbrauch.

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Johnny Joe Martinez, der wegen Mord verurteilt wurde, wurde am 20. November 1972 in Corpus Christi, Texas, geboren. Die Stadt in den USA ist ein typisches Beispiel für einen Südstaaten-Ort.

Die Jury hörte nur Gemeinplätze

Martinez’ Prozessanwalt hatte also gute Chancen, Martinez’ Leben zu retten. Die Aufgabe war einfach, aber arbeitsintensiv: Der Anwalt musste der Jury ein abgerundetes Bild von Johnny Joe Martinez anbieten. Der Anwalt (oder ein beauftragter Ermittler) musste dazu Familienmitglieder, Lehrer, Kommilitonen, Sozialarbeiter, Freunde und Arbeitgeber aufsuchen und überzeugen, zugunsten von Martinez vor Gericht auszusagen. Martinez’ Verteidiger aber unternahm kaum etwas, um an Zeugen beziehungsweise Unterlagen zu kommen. Er traf sich einmal vor dem Prozess mit einer Handvoll Familienmitglieder, dann ignorierte er sie monatelang bis zu dem Tag, als sie aussagen sollten.

Auch unternahm der Verteidiger nichts, um sie auf ihre Aussagen vorzubereiten. Die Aussagen waren entsprechend austauschbar und wenig überzeugend. Die Jury hörte nur Gemeinplätze: „Johnny Joe ist ein netter Mensch. Ich wusste nicht, dass er zu so etwas fähig war.“ Das ganze wörtliche Prozessprotokoll des Mordfalls „State v. Martinez“ erstreckt sich über 1000 Seiten. Die Aussagen der fünf Zeugen für die Verteidigung bei der Strafermessungsphase belaufen sich insgesamt gerade mal auf 40 Seiten.

Die Beweise für Martinez’ künftige Gefährlichkeit waren nicht ausreichend

Die Jury befand, dass Martinez eine Gefahr darstellte und dass es keine ausreichenden Milderungsgründe gäbe. Martinez wurde also zum Tode verurteilt. Um diese Entscheidung zu verstehen, muss man das gesellschaftliche Klima der 90er-Jahre zur Kenntnis nehmen. Die Mordrate in den USA hatte sich von 1964 bis 1994 beinahe vervierfacht. Die Bürger hatten die Nase voll von Gewaltkriminalität. Gnade und Barmherzigkeit waren Mangelware. Martinez ging in die Revision, wie üblich in Todesstrafe-Fällen. Hier kam es zur zweiten Merkwürdigkeit des Falls: Vor dem obersten texanischen Strafgericht, dem Texas Court of Criminal Appeals (CCA) – einem der konservativsten Gerichte in den USA – hat Martinez beinahe gewonnen.

Martinez’ Revisionsanwalt machte geltend, dass die Beweise für Martinez’ künftige Gefährlichkeit nicht ausreichten. Vier der neun Richter am CCA stimmten dem zu. Zwei Richter veröffentlichten „abweichende Meinungen“, in denen sie die Beweislage gründlich überprüften. Das Fazit: Es gab keine ausreichenden Gründe, Martinez als gefährlich einzustufen. Die Jury lag also falsch. Es kommt äußerst selten vor, dass ein Revisionsrichter die einstimmigen Festlegungen der Jury ablehnt, aber genau das taten vier Richter. Wenn wir ein Todesurteil auf dieser dürftigen Grundlage aufrechterhielten, meinte Richter Frank Maloney, dann sollten wir mindestens ehrlich sein und bekannt geben, dass wir von nun an jedes Todesurteil einfach durchwinken werden.

5:4 ist aber kein Sieg. Und das Urteil war nun einmal rechtskräftig. Wie auch in Deutschland ist in den USA das Wort „rechtskräftig“ (final) von zentraler Bedeutung. Es gab schon ein erfolgreich abgeschlossenes Hauptverfahren, dessen Rechtsstaatlichkeit durch eine Revision geprüft wurde. Das daraus resultierende Urteil verdient Respekt. Ab diesem Zeitpunkt trägt der Verurteilte (nicht mehr Angeklagte) die Beweislast. Er muss überzeugende Gründe vorbringen, um den Schuldspruch beziehungsweise das Strafmaß infrage zu stellen. Dies geschieht in den USA im Rahmen eines Habeas-Corpus-Verfahrens, quasi des Pendants zum deutschen Wiederaufnahmeverfahren. Im Wiederaufnahmeverfahren muss der Anwalt beweisen, dass der Anwalt beim Hauptverfahren den Hintergrund des Falls unzureichend recherchiert hat. Aber damit nicht genug: Der neue Anwalt muss den Fall aufs Neue recherchieren und die Unterlagen und Zeugen, die die Jury hätten überzeugen können, ausfindig machen und vorlegen.

Der Fall Martinez sorgte beim texanischen CCA für Unbehagen

Für Martinez’ Wiederaufnahmeverfahren vor den texanischen Gerichten bestellte der CCA einen Anwalt aus Corpus Christi, nennen wir ihn Jim Drake. Drake beantragte keine Mittel für Experten oder Ermittler, obwohl das Gesetz dies durchaus erlaubte. Drake besuchte Martinez nie. Martinez bekam von Drake lediglich einen einzigen Brief, in dem stand, dass Drake Martinez’ neuer Anwalt war. Martinez schickte Drake eine Reihe zunehmend verzweifelter Briefe voller Anregungen, Hintergrundinformationen zum Fall und sogar Listen von Zeugen, die eventuell hilfreich sein könnten: „Sir, ich will nicht sterben, und Sie sind der Einzige, der mir helfen kann, um das zu verhindern. Bitte tun Sie Ihr Bestes, bitte erhalten Sie den Kontakt mit mir und meiner Familie aufrecht, damit wir Ihnen helfen können, okay?“ Der Anwalt ignorierte die Briefe. Dann rief Martinez seinen Anwalt sogar aus dem Todestrakt an – damals war das ein sehr komplizierter Prozess. Da Martinez kein Geld hatte, waren es R-Gespräche, bei denen der Empfänger die Telefonkosten zahlt. Der Anwalt lehnte die Anrufe ab.


imago/ZUMA Press

Livingston, Texas. Hier befindet sich einer von vielen US-amerikanischen Todestrakten.

Endlich reichte der Anwalt den Antrag auf Wiederaufnahme ein, ohne Johnny Joe Martinez auch nur einmal gesehen zu haben. Derartige Anträge betragen in der Regel mindestens 80 bis 100 Seiten, mit zahlreichen Anlagen. Drakes Antrag dagegen war gerade mal sechs Seiten lang. Drake hatte lediglich ein paar Textbausteine in ein neues Dokument hineinkopiert und umformuliert. Der Antrag wurde als nichtssagend eingestuft und dementsprechend abgelehnt. Martinez wusste aber nichts davon: Er wurde von seinem Anwalt über das Einreichen und Ablehnen des Wiederaufnahmeantrags erst im Nachhinein unterrichtet. Als es viel zu spät war, etwas zu ändern.

Wieder einmal aber sorgte der Fall Martinez beim texanischen CCA für Unbehagen. Ein Richter merkte, dass der „operative“ Kern des Antrags lediglich 17 Zeilen betrug. Drei Richter plädierten dafür, erst einmal nicht über den Antrag zu entscheiden. Stattdessen sollte das Gericht eine Anhörung einberufen, um die professionelle Fähigkeit des Wiederaufnahme-Anwalts zu klären. Dieser Vorschlag bekam Unterstützung von einer Seite, die niemand erwartet hätte: Drake selbst. Sein Brief ans Gericht lautete sinngemäß: „Ich habe noch nie eine Wiederaufnahme-Sache vorbereitet, als ich vom Gericht beauftragt wurde. Ich finde die Anregung, eine Anhörung über meine Eignung als Rechtsanwalt in diesem Fall einzuberufen, richtig. Ich bitte das Gericht deshalb darum, mich zu entlassen und neue Anwälte unverzüglich einzubestellen.“

Hilfe von einem der begabtesten Ermittler für Todesstrafe-Verfahren

Die neuen Anwälte waren ich und der berühmte Jura-Professor, Buchautor und Mitbegründer des Innocence-Projects David R. Dow. Übrigens ist vieles, was in diesem Beitrag steht, seinem 2006 erschienenen Buch „Executed on a Technicality: Lethal Injustice on America’s Death Row“ entnommen. Zum Zeitpunkt unserer Einbestellung Ende 1998 befand sich der Fall Martinez in einer Übergangsphase. Er hatte alle Rechtswege, die ihm nach texanischem Recht zustanden, „erschöpft“. Jetzt durfte er einen Wiederaufnahmeantrag beim zuständigen Bundesgericht einreichen. Die Aufgabe des Bundesgerichts beschränkt sich darauf, die Rechtstaatlichkeit des Urteils nach den Maßstäben der amerikanischen Verfassung zu überprüfen.

Es gab ein Problem: Ein Verurteilter – selbst ein zum Tode Verurteilter – hat kraft Verfassung kein Recht auf einen Anwalt in einem Wiederaufnahmeverfahren. Bundesstaaten dürfen Anwälte für Wiederaufnahmeverfahren bereitstellen, müssen dies aber nicht tun. Da der Gefangene kein Recht auf einen Anwalt hat, hat er deshalb erst recht kein Recht auf einen fähigen Anwalt. Der Oberste Gerichtshof, der diese höchst kontroverse Regel 1991 etablierte, warnte in der Begründung vor einer Überlastung der Justiz. Das Argument ist nicht so leicht von der Hand zu weisen. Viele Gefangene sind von ihrem eigenen Fall besessen und würden bei einer anderen Rechtslage reihenweise frivole Klagen bei allen denkbaren Gerichten einreichen. „Einverstanden“, argumentierten David Dow und ich in unseren Schriftsätzen vor den Bundesgerichten. „Aber bei einem Todesstrafe-Verfahren müssen besondere Regeln gelten, muss höchste Sorgfalt garantiert sein: Hier muss der Staat mindestens zusichern, dass der Verurteilte bei allen ihm zustehenden Revisions- beziehungsweise Wiederaufnahmeverfahren fähig und konsequent vertreten wird.“

Außer der Paragraphenreiterei hatten wir eine ganz andere, viel konkretere Aufgabe. Wir mussten das Bundesgericht davon überzeugen, dass es beim Hauptverfahren im Jahr 1994 sehr wohl möglich gewesen wäre, die Jury umzustimmen und die Todesstrafe zu umgehen. Wir hatten Glück. Ein ehemaliger Texas Ranger, Richard Reyna, war inzwischen Privatermittler geworden und hatte sich seitdem einen Ruf als einer der weltweit begabtesten Ermittler spezifisch für Todesstrafe-Verfahren erarbeitet. Er war an zahllosen berühmten Fällen beteiligt, zum Beispiel dem von Clarence Brandley (einem Schwarzen, der zum Tode verurteilt wurde, obwohl er unschuldig war) und sogar Timothy McVeigh (dem Oklahoma-City-Bombenleger). Wenn Richard Reyna mit Laien redet, versteckt er seinen scharfen juristischen Verstand hinter einem ruhigen, leutseligen, aufrichtigen Auftreten. Nach 30 Minuten mit Richard Reyna verraten nicht wenige Menschen Geheimnisse, die sie selbst ihren engsten Vertrauten noch nie verraten haben.

imago/ZUMA Press

Huntsville, Texas. In diesem Gebäude war Johnny Joe Martinez inhaftiert.

Eine Art Biografie von Johnny Joe Martinez

Wir konnten Reyna nur den bescheidenen Stundensatz für vom Gericht bestellte Ermittler anbieten, das war ihm aber egal. Er fragte: „Stimmt es, dass noch niemand diesen Fall je konsequent erforscht hat?“ Ich antwortete: „Ja.“ Dann sagte Reyna: „Ich habe etwas Zeit. Schickst du mir ein Memorandum?“ Dann fuhr Reyna nach Corpus Christi und traf sich mit Familienmitgliedern, Sozialarbeitern, Erziehern, Freunden. Auf der Grundlage von Reynas präzisen, analytisch scharfen, aber auch einfühlsamen Memoranden konnten wir zum ersten Mal eine Art Biografie von Johnny Joe Martinez erstellen.

Der Vater hatte die Familie früh verlassen, dann kam ein Stiefvater, der Dealer war. Ein paar Jahre später wurde er vor einer Kneipe ermordet. Die Mutter war aber zu diesem Zeitpunkt schon heroinabhängig, kümmerte sich immer weniger um ihre Kinder. Martinez wandelte unbeaufsichtigt, manchmal halbnackt durch die Flure der klapprigen Wohnanlagen, wo seine Mutter Bleibe fand. Als Zehnjähriger war er leichte Beute für einen Nachbarn, der ihn wiederholt vergewaltigte. Martinez bekam Bargeld im Gegenzug fürs Schweigen. Eine „abuela“ (Großmutter) hat sich um das verwahrloste Kind gekümmert; sie wurde zu seiner richtigen Mutter. Die Schule war für den femininen Jungen die Hölle: Als „Schwuchtel“ wurde er ständig gehänselt und verprügelt – reagierte aber niemals mit Gewalt. Im Alter von 14 Jahren floh er von zu Hause, übernachtete bei Freunden oder auf der Straße. Sechs Jahre später tötete er Clay Peterson. Das war die Biografie, die die Jury hätte erfahren können, bevor sie Johnny Joe Martinez zum Tode verurteilte.

Todeskandidaten dürfen ihre Verwandten nur durch eine Glasscheibe sehen

Wir versuchten jahrelang, die Bundesgerichte davon zu überzeugen, ihre restriktiven Regeln zu lockern, ohne Erfolg. Mittlerweile rückte der Hinrichtungstermin des 22. März 2002 immer näher. Wie er in seinem Buch erzählt, bekam Dow kurz vor der Hinrichtung einen außergewöhnlichen Brief. Lana Norris, die Mutter von Clay Peterson, wollte sich mit Johnny Joe Martinez treffen. Martinez, sagte sie, habe ihr 1995 einen offenen, ehrlichen Brief geschrieben, um seine innige Reue zum Ausdruck zu bringen. Sie habe diesen Brief nie vergessen können. Jetzt wolle sie ihn kennenlernen.

Dow kämpfte unerbittlich gegen die texanische Knast-Bürokratie, um dieses Treffen zustande zu bringen. Schließlich saßen Martinez und Norris einander gegenüber. Todeskandidaten dürfen ihre Verwandten immer nur durch eine Glasscheibe sehen. Nicht einmal am letzten Tag ist Körperkontakt erlaubt. Das war anders bei dem Treffen zwischen Norris und Martinez. Es fand in der Gefängniskapelle statt: Zwei Stühle an einem Tisch, keine Glasscheibe. David Dow war da. Gleich vor dem Beginn des Treffens wurde Johnny Joe Martinez mulmig zumute. Seine Handschnellen, schreibt Dow, klingelten wie Eiswürfel in einem Glas.

Lana Norris kam rein, setzte sich und sagte: „Erst einmal beten wir.“ Martinez, halbherzig katholisch erzogen, reichte seine Hände. Nach dem Gebet kamen Lana Norris’ penetrante Fragen: „Warum hast du meinen Sohn getötet? Wie ist der Mord tatsächlich abgelaufen? Wer sonst wusste davon? Denkst du über meinen Sohn Clay nach? Wie oft?“ Zwei Stunden lang beantwortete Johnny Joe Martinez die Fragen. Nach der intensiven Befragung durch Lana Norris gab es eine kurze Pause. Dann wurde das Gespräch entspannter. Lana wollte mehr über Johnny Joe Martinez als Mensch wissen. Er hat ihre Fragen beantwortet, auf seine verhaltene Weise. Er fragte auch nach Clay Peterson. Lana Norris redete über ihren nun seit neun Jahren verstorbenen Sohn und ihr Familienleben.

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Corpus Christi, Texas, im Jahre 1973

Wir warteten gespannt auf die Entscheidung

Es war nun Mitte März 2002. Unsere Wiederaufnahmeanträge und Verfassungsklagen waren zu dieser Zeit allesamt längst abgelehnt worden. Wir reichten ein Antrag auf Begnadigung (d. h. die Umwandlung von Martinez’ Todesstrafe in eine lebenslange Freiheitsstrafe) beim „Texas Board of Pardons and Paroles“ (TBPP, dem texanischen Gremium für Bewährungs- und Begnadigungsfragen) ein. Wieder einmal bekamen wir Unterstützung von einer unerwarteten Seite. Lana Norris schrieb einen leidenschaftlichen Brief ans TBPP. Norris war keine Gegnerin der Todesstrafe, war aber fest davon überzeugt, dass Johnny Joe Martinez nicht hingerichtet werden sollte: „Ich habe keinen Zweifel daran, dass die Hinrichtung von Herrn Martinez ein doppeltes Verbrechen gegen die Gesellschaft wäre. Wir haben es hier mit einem jungen Mann zu tun, der seine Taten aufrichtig bereut.“ Auch bat sie um ein persönliches Treffen mit dem Gremium, vergebens.

Wir warteten gespannt auf die Entscheidung des TBPP. Das Gremium hatte damals 15 Mitglieder, alle vom Gouverneur von Texas bestellt. Da Texas zweimal so groß wie Deutschland ist und die Mitglieder aus dem ganzen Bundesstaat kommen, tagte das Gremium per Fax. Am 21. März 2002 – einen Tag vor dem Hinrichtungstermin – trafen die Faxe nach und nach in Austin ein. Das Ergebnis? Sieben Stimmen für eine Umwandlung der Todesstrafe in eine lebenslange Freiheitsstrafe, acht dagegen. Wieder einmal hatte Martinez um eine Stimme verloren. Johnny Joe Martinez wurde am 22. März 2002 hingerichtet. David Dow war Zeuge. Zuerst entschuldigte sich Martinez für das entsetzliche Verbrechen, das er begangen hatte. Dann bedankte er sich bei seinen Freunden und Familienmitgliedern. Am Ende sagte er: „David Dow, sag allen, was in meinem Fall passiert ist. Es geht mir gut. Ich bin glücklich. Ich sehe euch auf der anderen Seite.“

Ich habe neulich mit David Dow E-Mails ausgetauscht, um zu erfahren, wie er nach fast 20 Jahren über den Fall denkt. Kein Tag vergeht, sagt er, an dem er nicht über Johnny Joe Martinez nachdenkt. Er sprach von einem weiteren Paradox des Falls: Zehn Jahre nach dem Tod von Johnny Joe Martinez hob das Supreme Court seine frühere Entscheidung auf. Fälle wie der von Martinez hatten die Richter am Obersten Gerichtshof zum Umdenken bewogen. Ab dem Jahr 2012 würden Todeskandidaten nunmehr ein Recht auf einen kompetenten Anwalt auch bei Wiederaufnahmeverfahren genießen. Das Urteil von David Dow: „Die wohl wichtigste Entwicklung im texanischen Strafrecht in Todesstrafe-Fällen in den letzten zehn Jahren war diese Änderung. Sie hätte für Johnny Joe Martinez den entscheidenden Unterschied gemacht. Sie hätte ihm buchstäblich das Leben gerettet. Ich denke, es ist bemerkenswert, dass wir genau das Argument vorbrachten, das sich später durchsetzte, aber die Gerichte waren noch nicht bereit dafür. In gewisser Weise macht dies Martinez’ Fall nicht weniger tragisch, sondern nur noch tragischer. Das Problem war nicht, dass Martinez nicht genau wusste, welches rechtliche Argument er brauchte, um sich durchzusetzen. Es ist vielmehr der Fall, dass die Bundesgerichte ihm nicht zuhörten.“

Es gibt spektakuläre Einzelfälle, in denen zum Tode Verurteilte aufgrund von DNS-Beweisen freigelassen wurden. Es gibt auch Einzelfälle wie die von Cameron Todd Willingham oder Carlos DeLuna – beide übrigens aus Texas –, die höchstwahrscheinlich als unschuldige Menschen hingerichtet wurden. Fälle wie der von Martinez gibt es aber Dutzende. Er war schuldig und hatte eine schwere Strafe verdient. Aber doch nicht die Todesstrafe. Man könnte es so formulieren: Er war weder rechtlich noch moralisch unschuldig, aber moralisch kein geeigneter Kandidat für die Todesstrafe. Viele Richter haben diese moralische Wahrheit erkannt. Auch Lana Norris hat sie erkannt. Aber die Justiz, mit ihren Regeln, ihren prozessualen Feinheiten, ihren ellenlangen Gerichtsentscheidungen, war für diese Wahrheit blind. Oder vielleicht treffender: Sie hat sich selbst Scheuklappen aufgesetzt, um derartige Wahrheiten nicht erkennen zu müssen. Diese Justiz tötet Menschen nach wie vor.

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Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.

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