Son Dakika

Unsere Neopuritaner

BerlinEs ist ein Scheingefecht, wenn Gegner gegeneinander ausgespielt werden, die keine sind. 

Eine Hure wie ich  zum Beispiel ist nicht die Feindin einer Frau, die sexuell ausgebeutet wird. Eine Prostituierte ist nicht die Feindin einer Zwangsprostituierten. Sie profitiert nicht von ihrem Leid. Sie hat auch nichts davon, wirtschaftlich, dass eine andere Frau zu Dumpingpreisen sexuell ausgebeutet wird. Dass die Kunden von solchen unfairen Angeboten demoralisiert und verdorben werden. Das Rotlichtmilieu ist eine Bedrohung für selbstbestimmte Sexarbeit. Und andersherum: sie macht dem Milieu Konkurrenz. Ich bin jedem Zuhälter ein Dorn im Auge. Eine Hure wie ich  zum Beispiel ist nicht die Feindin einer Frau, die sexuell ausgebeutet wird. Eine Prostituierte ist nicht die Feindin einer Zwangsprostituierten. Sie profitiert nicht von ihrem Leid. Sie hat auch nichts davon, wirtschaftlich, dass eine andere Frau zu Dumpingpreisen sexuell ausgebeutet wird. Dass die Kunden von solchen unfairen Angeboten demoralisiert und verdorben werden. Das Rotlichtmilieu ist eine Bedrohung für selbstbestimmte Sexarbeit. Und andersherum: sie macht dem Milieu Konkurrenz. Ich bin jedem Zuhälter ein Dorn im Auge.

Berliner Verlag/Stephanie F. Scholz

Die Wochenendausgabe

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.

Am 29. Mai 2021 im Blatt: 
Was passiert in Belarus? Warum riskiert Alexander Lukaschenko jetzt alles? Die große Analyse zum Belarus-Konflikt

Vonovia fusioniert mit Deutsche Wohnen. Was das für die Berliner Mieter bedeutet

Wo landet unser Müll? Wahrheiten und Mythen übers Recycling

Die großen Food-Seiten: Eines der besten chinesischen Restaurants liegt wohl in Schöneberg. Und: Ein Kreuzberger Sommelier tischt auf

https://berliner-zeitung.de/wochenendausgabe

Soweit klar, oder? Logisch und einsichtig. Nicht mal ein Beispiel ist nötig. Ganz ohne starke Bilder leuchtet Ihnen diese Argumentation ein, die allein an ihren Verstand appelliert. Das Thema könnte erledigt sein: bekämpfen wir die Zuhälter und stärken wir die Rechte der Prostituierten und ihrer seriösen Kunden. Es gibt wahrhaft schwierigere Probleme.

Erbauungspredigt

Ein Saal voller Menschen: auf der Bühne eine Person, die sich wegen ihrer leitenden Funktion in einem Verein für Frauenrechte als Expertin geriert. Ihre Erfahrungen sammelte sie als Auslandsreporterin in Osteuropa. Sie erzählt nun eine Anekdote aus dem Balkankrieg. In diesem traf sie auf ein minderjähriges Mädchen, das von Soldaten grausam vergewaltigt worden war. Und sie schildet diese Grausamkeit in allen pathetischen Details. Sie verwendet dabei saftige Formulierungen wie „in Löcher alle penetriert“ oder „kaputtgefickt“. Das Publikum lauscht paralysiert. Per Beamer werden Bilder gezeigt. Keine Belegfotos. Sondern Illustrationen, assoziativ: Bilder von halbnackten Frauenkörpern in erniedrigten Posen, mit Tränen auf den Gesichtern. Oder in Ketten. Aus dem dunklen Zuschauerraum hört man vereinzeltes Stöhnen. Abschließend sagt die Rednerin, und deshalb sei sie gegen Prostitution. Die Leute applaudieren voll innigster Zustimmung.

Dass es sich bei dem Opfer gar nicht um eine Prostituierte handelte, und bei den Vergewaltigern nicht um zahlende Kunden, fiel niemandem weiter auf.

Die Veranstaltung fand statt im Saalbau Neukölln am 25. Mai 2018, die Rednerin hieß Inge Bell und ist Vorsitzende des Vereins Terre des Femmes Deutschland. Die Veranstaltung trug den Titel „Für eine Welt ohne Prostitution“.

Fast alle Zuhörerinnen waren ohnehin für eine Welt ohne Prostitution. Fast alle: Ich war damals noch so wenig prominent, dass ich rein kam mit meiner Eintrittskarte, während meine Hurenkolleginnen abgewiesen wurden, und draußen ihre Protestwache abhielten.

Wozu also diese unerträglichen Details, die Pornografie des Grauens? Damals konnte ich mir vorstellen, dass Teile des Publikums vielleicht insgeheim extra deswegen kamen. Verklemmte Perversionen waren mir weniger fremd das, was ich erst in den kommenden Jahren über diese Kreise lernte. Es ist ein ganz bestimmtes, bürgerliches Milieu, vorwiegend aus Südwestdeutschland, weiß, protestantisch, gut vernetzt, aus der Medienbranche und Politik,  und freikirchlichen Verbindungen. Sie nennen sich Abolitionisten. Ich nenne sie Neopuritaner.

Was sie wollen, ist das, was in Schweden 1998 eingeführt wurde, und mittlerweile von allen unabhängigen Experten als gefährlich eingestuft wird: das Nordische Modell. Es soll Prostitution abschaffen, indem es die Bezahlung von erotischen Dienstleistungen unter Strafe stellt. Und die legale Existenz von Prostitutionsstätten unmöglich macht. Die einzige Option für Prostituierte ist die Illegalität oder der Ausstieg. Dies ist so, weil Neopuritaner sich nicht vorstellen können, dass Prostitution in irgendeiner Hinsicht akzeptabel sein könnte.

Who is who

Was sind das für Leute? In den Medien nennen sie sich gern einfach immer mehr Menschen, die einen Gesinnungswandel anstreben. Nur keine Nebelmaschine! Die führenden Köpfe sind bekannt. Dazu gehören sechzehn Abgeordnete, darunter die Vorsitzende der Frauenunion Annette Widmann-Mauz der ehemalige CDU-Gesundheitsminister Hermann Gröhe, Leni Breymeier und Frank Heinrich. Auf deren Initiative entstand der Parlamentarische Arbeitskreis Prostitution – wohin?, dessen ergebnisoffener Name nicht darüber hinweg täuscht, wohin es gehen soll.

Leni Breymaier ist gemeinsam mit einer gewissen Sabine Constabel im Vorstand des Vereins Sisters e.V., der Prostituierten Hilfe anbietet – allerdings nur Ausstiegshilfe. So tut es auch der Verein SOLWODI, dessen Gründerin, die  Ordensfrau und Bundesverdienstkreuzträgerin Lea Ackermann sich übrigens auch gegen Abtreibung einsetzt. Dies sind nur zwei Vereine von dutzenden des im März 2021 gegründeten Bündnis Nordisches Modell.

Dieses ist eng verknüfpft mit dem von Frank Heinrich geleiteten Bündnis mit dem euphemistischen Namen Gemeinsam gegen Menschenhandel – wobei beim Lesen der Website ziemlich deutlich wird, dass ausschließlich Prostitution gemeint ist. Und zwar auch die freiwillige. Das Bündnis ist ein Klüngel  evangelikaler Vereine, darunter auch so bedenkliche wie Mission Freedom, geleitet von einer gewissen Gaby Wentland, die 2020 mitten in der Pandemie in einem Vortrag sagte, Gott habe Corona  geschickt, damit die Bordelle schließen, und die Prostituierten zurück in ihre Heimatlänger gehen. Man kann sehe sich den Auftritt auf YouTube an. Terre des Femmes Deutschland hatten wir schon. Der Verein vertritt neben populären Positionen eben auch eine Haltung, die Transfrauen und gläubige Musliminnen ächtet. Genau wie die EMMA.

Obskurantismus

Was ich 2018 für eine abseitige Merkwürdigkeit hielt, ist also mittlerweile bis in den Bundestag vorgedrungen. Der obskure Psychoterror, die ich bei der Veranstaltung 2018 erlebt habe, ist womöglich nicht bloß analytische Schwäche. Anekdoten von Sex und Gewalt emotionalisieren, lenken die Aufmerksamkeit auf sinnliche Details, weg von der logischen Struktur der Argumentation. Die Menschen sollen in innere Aufruhr versetzten werden. Um sie, in diesem Zustand, in die Falle logischen Fehlschlüsse tappen zu lassen, im erprobten Vertrauen darauf, dass die Leute zu einer nüchtern-logischen Betrachtung so nicht mehr in der Lage sind. In TV-Dokus gibt es das Mittel der inszenierten O-Töne , die Szenenbilder von benutzen Kondomen neben dem Kinderspielplatz, und vor allem die emotional aufpeitschende Musik. In letzter Zeit erscheinen solche Dokus immer häufiger im deutschen Fernsehen.

Die Methode verfehlt nicht ihre Wirkung:

Zusammenhänge werden assoziiert, die keine sind. Koinzidenzen werden als Kausalitäten suggeriert, wie bei der Vorstellung, dass die armen Straßenprostituierten deshalb leiden müssten, weil eine Minderheit von Edelprostituierten so viel Geld verdient. Das frivole Dasein der einen stehe im schreienden Widerspruch zur Misere der anderen, als vermeintliche Kehrseite der Medaille. Oder die Osteuropäerin, die nur gebrochen deutsch spricht, wird ausgespielt gegen die Souveränität einer Domina– als würde sie die Hilflosigkeit der anderen irgendwie für sich ausnutzen.

Mit solchen logischen Fehlschlüsse hätte ich im Logikseminar am Lehrstuhl für Philosophie nicht die Klausur bestanden. Man soll nichts mit Verschwörung erklären, was man nicht auch mit menschlicher Dummheit erklären kann. Aber dass so viele Funktionsträger über Jahre hinweg gemeinsam immer wieder dieselben Denkfehler machen, legt Absicht nahe.

Eine Drehung weiter in der Gehirnwäsche-Waschtrommel: die ständige Assoziation von Prostitution mit Zwangsprostitution. Diese Assoziationstechnik ist gut erprobt vom Kampf gegen die Schwulenbewegung, als Homosexualität im Diskurs konsequent gleichsetzt wurde mit Pädophilie. Mit bemerkenswerter Resistenz gegen wissenschaftliche Evidenzen.

Im Falle der Prostitution geschieht das etwa durch den beliebten Talkshowgast Hauptkommissar a.D. Manfred Paulus, der aufgrund seiner Erfahrungen vor der Legalisierung von Prostitution 2002 behauptet, jegliche Prostitution sei Zwangsprostitution. Und „Ausnahmen“ einfach stoisch ignoriert. Er schwadroniert von der guten alten Zeit, als Prostitution noch Sache der Sittenpolizei war, seiner Abteilung, und es noch das Geschlechtskrankheitengesetz gab – den sogenannten Bockschein. Die gynäkologische Zwangsuntersuchung, direkt im Polizeirevier. Manche meiner älteren Kolleginnen mussten diese erniedrigende Praxis noch über sich ergehen lassen. Dieser wunderliche alte Mann hat übrigens 2021 das Bundesverdienstkreuz erhalten.

Diese trübe Mischung wird noch weiter verunklart durch die Gleichsetzung von Zwang mit wirtschaftlicher Not. Keine Prostituierte würde diese Arbeit freiwillig tun, wenn sie nicht Geld verdienen müsste – nach dieser Logik wäre jede Lohnarbeit Zwangsarbeit. Oder von Opfern, die nicht Opfer der Prostitution sind, sondern ihrer sozialen Verhältnisse: Beziehungsgewalt, familiäre Verwahrlosung, Obdachlosigkeit, Drogenprobleme. Das Abstruseste: gerade in diesen Fällen haben Verbote die Situation für die Prostituierten stets nur verschlimmert.

Auch die Opfer der sogenannten Loverboy-Methode, also von planvoll erzeugter Hörigkeit, zählen dazu. Ein Sexkaufverbot würde einen Loverboy-Zuhälter nicht hindern, weiterhin im kriminellen Milieu Freier für sein Opfer zu finden. Nur würde sie von aufsuchenden Sozialarbeiterinnen womöglich nie entdeckt, wenn der Sex nicht in einem Bordell stattfindet, sondern in einem privaten Partykeller. Und dann gibt es noch veritable Fakes – Schauspielerinnen, die Lügengeschichten auswendig gelernt haben. Einen solchen Fall deckte der SPIEGEL bei Mission Freedom auf – kein Hindernis für Gaby Wendland, um in den Vorstand des Bündnis für Menschenhandel aufzuschließen.

In der grenzenlosen Begeisterung für das Nordische Modell stecken außer Ideologie auch noch echte gedankliche Schnitzer. Wie der Unsinn, dass Ausstiegsangebote nur im Paket mit einem Verbot greifen würden – nehmen Prostituierte solche Hilfen etwa nur in Anspruch, wenn man sie von staatlicher Seite dazu drängt? Oder die Idiotie, einer echten Zwangsprostituierten wäre mit einer Umschulung und einem alternativen Job geholfen. Als würden ihre Peiniger sie nicht verfolgen. Als müsste sie keine Angst um ihr Leben oder das ihrer Angehörigen haben. Derselbe Grund, aus dem sie sich der Polizei kaum anvertrauen wird, solange es kein Zeugenschutzprogramm gibt. Und keinen Abschiebestopp.

Der lächerlichste aller Logikfehler: Alle Prostituierten seien Opfer von Gewalt, weil das Nordische Modell Prostitution per se als Gewalt definiert. Egal, ob die Prostituierten sie selbst so wahrnehmen, oder nicht. Es kommt nicht auf die Meinung der Betroffenen an. Man könnte glatt auf die Idee kommen, den Neopuritanern ginge es in Wahrheit gar nicht um die Opfer von Menschenhandel, sondern sie seien einfach gegen die freiwillige Prostitution.

Hurenhass

Neopuritaner haben ihre Methoden, mit Widerspenstigen umzugehen, die sich nicht von ihnen retten lassen wollen. Entweder Pathologisierung: eine glückliche Hure wird als psychisch gestört gebrandmarkt. Oder man attestiert, sie müsse mutmaßlich als Kind sexuell missbraucht worden sein – um sie dadurch als unzurechnungsfähig zu markieren. Sie erkennen also Missbrauchsopfern das Recht auf körperliche Selbstbestimmung ab. Diese Technik, die zugleich sämtliche Menschen mit psychischen Problemen stigmatisiert, ihnen die Mündigkeit abspricht, ist faschistisch. Während die Kirche Normverletzungen für Sünde hält, hält sie der Faschismus für krank – bis hin zu Euthanasie oder Zwangssterilisation.

Oder Verteufelung: Wenn man einer Hure nicht die Zurechnungsfähigkeit absprechen kann, muss sie böse sein, wahrscheinlich selbst eine Zuhälterin, eine Lobbyhure, und unmoralische Nutznießerin. Egal, was die selbsternannten Retter behaupten: hinter der scheinheiligen Fassade schleicht wie Chlorgas der Hurenhass. Hass auf die sexuell selbstbestimmte Frau. Du kannst im Großen nichts vernichten… Warum diese kognitive Dissonanz?

Ist es die Kultur des christlichen Abendlandes? Strafe für die Sünde, die Totsünde? Man kann nicht mehr mit der Verve eines Martin Luther sagen: „Verfluchte Huren, Vergifterinnen des Volkes, verbrennt sie!“ Aber man kann sagen: Es gibt keine freiwillige Prostitution. Geht es vielleicht um Migration? Weil es leichter ist, zu sagen, die wurden ja nur hierher verschleppt, gegen ihren Willen! – als: Ausländer raus!

Vielleicht ist es eine Kristallisation des Unbehagens an unserer Wirklichkeit als Bürger der reichen Länder. Die Gewissheit, dass unser Wohlstand mit dem Leid der Mehrheit der Menschheit bezahlt ist. Die Schuld, die jeden Moment unseres Lebens durchdringt, diffus – aber in der Prostitution, da scheint sie greifbar. Sündenböcke sind nötig für den Zusammenhalt der Eigentumsgesellschaft, mit ihrer systematischen Ungleichheit.

Die Coronakrise, wie jede Krise, verschärft die Gefahr. Siehe da, Prostitution kann man verbieten, warum nicht gleich für immer? Dass diese Fragestellung nicht zu einem öffentlichen Aufschrei geführt hat, ist ein Indiz, dass Prostitution eben doch nur juristisch ein Job wie jeder andere ist. Niemals hat die Gesellschaft uns völlig akzeptiert. In keinem Jahrhundert. Dass wir Huren, bestenfalls geduldet, oft genug erbittert verfolgt, uns doch durch alle Zeiten recht gelassen behauptet haben, stimmt immerhin zuversichtlich.

Am 2. Juni ist Welthurentag.

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