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Russlands Einfluss soll von Lissabon bis China reichen

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Sergej Karaganows Interview mit der umstrittenen italienischen Zeitschrift „Limes“ kann als eine Fortsetzung des Gespräches von Anfang April 2022 mit Bruno Macaes, dem ehemaligen Außenminister für Europaangelegenheiten Portugals, Politikberatern und Business-Strategen in der britischen Wochenzeitung „New Statesman“ betrachtet werden. Im aktuellen Interview mit der „Limes“ fasst Karaganow die Gründe für den russischen Angriff auf die Ukraine zusammen, analysiert die potentiellen Folgen des Krieges für die Ukraine, Russland sowie die gesamte Welt und sieht die Russische Föderation in einen „totalen Krieg“ mit dem Westen um die Deutungshoheit über die Weltordnung verwickelt.

Sergej Karaganow ist der wohl egozentrischste und schillerndste außen- und sicherheitspolitische Vordenker des Kreml. In den Reihen der russischen Intellektuellen gilt er als ein von zahlreichen – wohl nicht selten selbst gestreuten – Gerüchten umrungener, eine Aura des Geheimen ausstrahlender, hochgradig umstrittener Provokateur von bereits zu Lebzeiten legendären Ausmaßen.

Über zwei Jahrzehnte lang war Karaganow ein einflussreicher Berater der russischen Präsidenten Boris Jelzin und Wladimir Putin, Mitbegründer der ältesten russischen NGO „Rat für Außen- und Verteidigungspolitik“ (SVOP) sowie der wichtigen außenpolitischen Zeitschrift „Russia in Global Affairs“. Sich selbst sieht Karaganow als den geistigen Vater der Hinwendung Russlands zur asiatisch-pazifischen Region.

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Zum Autor

Dr. Alexander Dubowy ist Politik- und Risikoanalyst sowie Forscher zu internationalen Beziehungen und Sicherheitspolitik mit Schwerpunkt auf Osteuropa, Russland und GUS-Raum. Er ist Mitarbeiter der Berliner Zeitung am Wochenende.

Russland kann sich keine Niederlage leisten

Nach dem Ausgang der Kampfhandlungen gegen die Ukraine gefragt, gibt Karaganow eine betont optimistische Antwort. Russland scheine die sogenannte Spezialmilitäroperation militärisch zu gewinnen, wenn auch wesentlich langsamer als ursprünglich geplant. Dabei hebt Karaganow unabhängig von der Zeitdauer die absolute Notwendigkeit eines russischen Sieges hervor. Eine Niederlage könne sich Russland keinesfalls leisten.

Ein Erfolg sei gar existentiell für das Überleben der Russischen Föderation. Der Zeitpunkt sowie vor allem das Ausmaß des Sieges seien aber ausschließlich durch die oberste politische Führung Russlands zu definieren, so Karaganow. Selbst die Eliten wissen nicht, was der Kreml als Sieg werten möchte. Aus diesem Grund könne aktuell der zukünftige Grenzverlauf zwischen der Russischen Föderation und der Ukraine kaum abgeschätzt werden.

Ein vorübergehender Waffenstillstand statt eines dauerhaften Friedens

Auch könne derzeit nur ein Waffenstillstand erwartet werden, von einem dauerhaften Frieden sei die Lage nach wie vor weit entfernt. Um die Chance für einen Friedensvertrag zu wahren, müssen sich nach Ansicht Karaganows die Vereinigten Staaten gegen weitere Kampfhandlungen aussprechen und – offenbar – auch Kiew von der Aussichtslosigkeit des Widerstandes überzeugen.

Aus diesem Grund könne die sogenannte Spezialmilitäroperation noch Jahre andauern, so Karaganow. Aufgrund der Interessen einiger westlicher Staaten am Fortbestehen des Konfliktes bleibe das Risiko der Eskalation hoch.

Ein existentieller Krieg für Russland wie auch für die Ukraine

Von der Wehrfähigkeit der ukrainischen Armee sowie der Wehrwilligkeit der ukrainischen Bevölkerung zeigt sich Karaganow nicht überrascht. Die Ukraine sei zwar ein „völlig korruptes Regime“, das „von der Mehrheit der Ukrainer verabscheut“ werde, die Bevölkerung habe jedoch damit begonnen, an die Eigenstaatlichkeit zu glauben und für ihr Heimatland zu kämpfen, so Karaganow.

Auch in Russland bestehe die Auffassung, dass es sich um einen existenziellen Krieg handle. Die Mehrheit der Bevölkerung unterstützte Wladimir Putin. Die verbliebenen pro-westlichen Elitenkreise würden entweder das Land verlassen oder unter dem Eindruck der Sanktionspolitik ihre Ansichten ändern.

Ukraine als „Anti-Russland“

Zwar sei der unmittelbare Verlust der Ukraine als Pufferstaat zwischen Russland und dem Westen bedauerlich, die sich abzeichnende Alternative wäre für Moskau jedoch ungleich schlimmer gewesen. Hätte Moskau zu lange gewartet, wäre aus der Ukraine ein hochgerüsteter, Russland gegenüber feindlich eingestellter Staat mit einer „starken, ideologisch faschistischen Armee“ geworden – ein „Anti-Russland“, so Karaganow.

In Zukunft werde ohnehin irgendeine Art der Pufferzone zwischen Russland und dem Westen errichtet, zeigt sich Karaganow zuversichtlich. Schließlich habe der Westen das militärische Agieren Moskaus provoziert, die von Moskau gezogenen sprichwörtlichen roten Linien jahrelang ignoriert.

Aufteilung der Ukraine unausweichlich

Die Besatzung des gesamten ukrainischen Territoriums bezeichnet Karaganow als eine „enorme Belastung“ und spricht sich dagegen aus. Dabei verweist er auf das berühmt-berüchtigte Zitat des amerikanischen Politologen und Regierungsberaters Zbigniew Brzezinski, wonach Russland ohne die Ukraine niemals ein lebensfähiges Imperium sein könne, während die russische Kontrolle über die Ukraine den imperialen Status automatisch gewähre.

Süffisant und durchaus selbstkritisch merkt Karaganow an, dass die außen- und sicherheitspolitische Elite Russlands die provokativ-ironischen Worte Brzezinskis seltsamerweise nie zu verstehen vermochte, denn eigentlich habe Russland Sibirien und nicht der Ukraine den Großmachtstatus zu verdanken.

Unfriedliche Vorkriegszeit und Schwäche des Westens

Sergej Karaganow sieht den eigentlichen Auslöser des Krieges in der schleichenden Integration der Ukraine in die Nato und beteuert, die Gefahr des Krieges über viele Jahre vorausgeahnt und davor gewarnt zu haben. Als sein Lebensdrama bezeichnet er die Vorhersehbarkeit bei gleichzeitiger Unvermeidlichkeit der aktuellen Konfrontation sowie das – auch persönliche – Unvermögen, etwas daran zu ändern.

Die Reaktionen des Westens seien in Anbetracht zahlreicher Krisen und der verzweifelten Lage der modernen westlichen Führungseliten vorhersehbar gewesen, so Karaganow. Aus Russland habe der Westen lange vor dem Krieg ein willkommenes Feindbild geschaffen. Im Grunde genommen habe ein neuer Kalter Krieg vor über einem Jahrzehnt und somit bereits vor dem Euro-Maidan in der Ukraine begonnen. Den Grund dafür sieht Karaganow in der schrittweisen Schwächung der globalen Rolle des Westen.

Durch die offene Feindschaft mit Russland versuche die westliche Elite einen verzweifelten Gegenangriff, um die Russische Föderation zu neutralisieren, welche nach Ansicht Karaganows in vielerlei Hinsicht zu einem Dreh- und Angelpunkt der nicht-westlichen Welt im militärischen und politischen Sinne geworden sei. Der Lauf der Geschichte könne aber nicht umgekehrt werden. Die Welt sei gerade dabei, sich von der westlichen Hegemonie endgültig zu befreien.

Mit der ersehnten Freiheit gehe jedoch globale Instabilität einher. Diese instabile konfliktreiche Phase solle über die nächsten 15 Jahre in ein neues Gleichgewicht der Mächte übergehen. Bis dahin bleibe die Lage hochgradig volatil und es gelte, einen Atomkrieg zu verhindern.

Erzwungene strategische Partnerschaft zwischen Russland und China

Auf die chinesische Kritik des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine sowie die offensichtliche Zögerlichkeit Chinas bei der Unterstützung Russlands angesprochen, leugnet Karaganow jedwede Entfremdungsgerüchte und sieht eine sehr enge strategische Partnerschaft zwischen Moskau und Peking nach wie vor gegeben. Denn bei aller Vorsicht verstehe Peking, dass eine Niederlage Russlands China international, vor allem in der Beziehung mit den USA, sehr verwundbar machen würde.

Die nebulöse Grand Strategy Russlands: The West against the Rest

Auch wenn in den kommenden Jahren die Abhängigkeit Russlands von China und einigen weiteren Staaten der asiatisch-pazifischen Region zunehmen werde, hofft Karaganow in einem Jahrzehnt auf die Stabilisierung der Sicherheitssituation an den westlichen Grenzen und eine positive Entwicklungsdynamik. Zu diesem Zeitpunkt werde sich die Welt und Europa stark verändern und Moskau im Idealfall die Möglichkeit erhalten, den Aufbau von Groß-Eurasien voranzutreiben. Unter Groß-Eurasien versteht Karaganow eine lose Gemeinschaft von Shanghai über Paris bis nach Lissabon mit Russland als einende Mitte. Das angelsächsische Großbritannien schließt Karaganow mit hoher Wahrscheinlichkeit aus diesem Groß-Eurasien der Zukunft aus.

Ob dieses nach Einschätzung Karaganows Best-Case-Szenario auch tatsächlich eintrete, sei aktuell aber nicht abzusehen. Denn Russland befinde sich in einem Kriegszustand, ja in einem – vom Westen entfesselten – totalen Krieg. Dabei versuche der Westen, die eigenen verlorenen Positionen gegen den Rest der Welt zurückzugewinnen. Nach Ansicht Karaganows trete Russland zum gegenwärtigen Zeitpunkt als das zentrale Element der nicht-westlichen Welt auf, als ein Leuchtturm im Kampf gegen den Westen.

Russlands Angst vor dem Zerfall

Kurz- bis mittelfristig schätzt Karaganow die Gefahr des Zerfallsprozesses der Russischen Föderation infolge eines langwierigen Konflikts in der Ukraine und gegen den Westen als hoch ein. Dabei verweist er auf angeregte Diskussionen im Rahmen der 30. Tagung des Rates für Außen- und Verteidigungspolitik (SVOP) unter dem Generalthema „Nach der Sonderoperation: Russland in einer neuen Entwicklungsetappe“. Sergej Karaganow weist auf die übereinstimmende Meinung der Tagungsteilnehmer hin, wonach ein militärischer Sieg in der Ukraine für Russland zur Vermeidung der Desintegrationsprozesse absolut notwendig sei.

Denn erstmals seit dem Ende des Kalten Krieges zielen einige westliche Mächte unverhüllt darauf ab, Russland zu spalten. Die aktuelle Lage sei sogar wesentlich schlimmer als zur Zeit des Kalten Krieges. Damals läge die Zielsetzung in der Abschreckung und der Eindämmung der Sowjetunion, während heute Russlands Feinde die Desintegration und den Zusammenbruch der Russischen Föderation herbeisehnten. Nachdem so viel auf dem Spiel stehe, könne eine weitere Eskalation nicht ausgeschlossen werden, so Karaganow.

Groß-Europa ist tot! Es lebe Groß-Eurasien!

Sergej Karaganow legt seine Gedanken in gewohnt provokanter, teils schwer fassbarer pseudophilosophisch-nebulöser Sprache dar. Die verbal-graphomanische Manier des einst wichtigen Kremlstrategen soll aber keinesfalls darüber hinwegtäuschen, dass Karaganows Worte seit gut einem Jahrzehnt um lediglich zwei – mehr auf Wunschannahmen als auf Tatsachen gründenden – Gedanken kreisen.

1.)  Untergang des Westens: Die Überzeugung von baldiger – wenn auch teilweiser – Entkoppelung der USA von Europa und der Schwächung transatlantischer Banden, einer faktischen (wenn möglicherweise auch nicht rechtlichen) Desintegration der EU und der Nato sowie der zwingenden Annäherung Europas (jedenfalls Zentral- und Südeuropas) an Russland.

2.)  Krieg um die Deutungshoheit über die Weltordnung: Der Traum von einem Groß-Eurasien vom Pazifik bis zum Atlantik mit Russland als dem zentralen verbindenden Element dieser geoökonomischen und geopolitische Struktur.

Der von Karaganow in die russischen außen- und sicherheitspolitischen Diskussionen eingebrachte Begriff von Groß-Eurasien bietet bei näherer Betrachtung nur wenig konkrete Inhalte. Pikanterweise hat der – in den 1990er und frühen 2000er-Jahren für seine erklärt prowestlichen und proamerikanischen Sichtweisen – bekannte Politpublizist noch vor knapp einem Jahrzehnt die Idee eines Groß-Europas unter Einbeziehung Russlands mit ähnlicher Inbrunst verteidigt wie den Traum eines Groß-Eurasiens heute. Freilich kann der letztere im Wesentlichen als eine Erweiterung der ursprünglichen Idee Karaganows betrachtet werden.

Als Rechtfertigung seiner Abkehr von den pro-westlichen Überzeugungen diente Karaganow das Mär vom postmodernen, jedwede traditionellen Werte verschmähenden Westen und dem familienfreundlichen und hochreligiösen Russland als seinem ewigen Kontrahenten. Dass die emotionslose, der Lüge nicht zu überführende Statistik ein anderes Russland – ein fern der traditionellen Wertvorstellungen lebendes, identitätsverwirrtes, turbokapitalistisches und bis in die kleinsten Gesellschaftsstrukturen individualistisches Land – zeichnet, lässt Karaganow bei seinen Erklärungsversuchen naheliegenderweise außen vor.

Eine große Prise Weltschmerz

Freilich sollten die Einschätzungen Sergej Karaganows mit einer großen Prise Zweifel bewertet werden. Ein Haus- und Hofpolitikberater und unbestrittener Einflüsterer der Mächtigen ist er nicht mehr, seine tatsächlichen Einflussmöglichkeit sind schon lange im Niedergang. Nichtsdestoweniger offenbart Karaganows Interview die sich aus dem amorphen Selbstbild des heutigen Russlands speisende Sehnsucht russischer Eliten nach einem grandiosen, jedes Fehlverhalten rechtfertigenden Sendungsgedanken einer globalen Mission für Russland.

In dieser Sehnsucht erklingt das Echo des Phantomschmerzes nach dem verlorenen Paradies der utopisch-kommunistischen Weltumbauidee, der aus den echten wie auch imaginären Unzulänglichkeiten der modernen Welt erwachsende Weltschmerz der intellektuellen politischen Klasse Russlands, die sehr lange an nichts und an niemanden mehr zu glauben schien. Doch der zunehmend schwindende Nihilismus der russischen Staatsspitze macht ihr Handeln gefährlich und unvorhersehbar.

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