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Martin Patzelt – von einem, der es nicht geschafft hat

Reklam

Frankfurt (Oder)Er will seinen Abschied nicht feiern, sagt er, weil es nichts zu feiern gibt. In den ganzen acht Jahren seiner Arbeit als Bundestagsabgeordneter hat Martin Patzelt nichts gefeiert. Nicht seinen Sieg gegen den AfD-Chef Alexander Gauland 2017 im Wahlkreis Oder-Spree. Nicht das Migrationspaket 2019, das er als Berichterstatter für minderjährige Geflüchtete mitentschieden hat, während ein solcher Geflüchteter bei ihm wohnte.

Martin Patzelt ist froh darüber, den Bundestag endlich verlassen zu können. Er trägt heute seinen schönsten Anzug. Tagesordnungspunkt 42a wird aufgerufen, Thema Menschenrechte. Sieben Abgeordnete sprechen vor ihm – wie so oft bekommt er nur das Schlusswort. Für seine letzte Rede hat er drei Minuten Zeit. Er könnte sie dazu nutzen, auf Erfolge zurückzublicken, so wie es die meisten tun. Stattdessen stellt Patzelt sich ans Rednerpult und sagt: „Ich danke meinen Wählerinnen und Wählern, die akzeptieren mussten, dass ich oft nicht ihrer Meinung war.“

Er wirkt aufgeregt und stottert. Nach dem Applaus verlässt er eilig das Plenum, geht an der CDU-Fraktion vorbei, wo ihm Philipp Amthor herzhaft lachend auf den Rücken klatscht. Auf Whatsapp schreibt er später: „Wie so oft war ich der Unbedeutendste der Reihe, empfand ich zumeist.“

Das Mantra

Patzelt hat sich eingesetzt, acht Jahre lang. Er hat gekämpft. Für christliche Werte wie Nächstenliebe und Gastfreundschaft, für die Demokratie. Er wollte Geflüchtete besser integrieren, die CDU als Volkspartei stärken, seinen Wahlkreis vor der AfD retten. Seit Angela Merkel am 4. September 2015 ihren berühmten Satz sagte, hatte Martin Patzelt ein politisches Mantra: Wir schaffen das.

Aber Martin Patzelt hat es nicht geschafft. Er ist einer von 126 Abgeordneten, die 2021 ihre politische Karriere beenden – und nun Bilanz ziehen müssen. Einige von ihnen werden jetzt in Statistiken schauen, sie verfolgen vielleicht die aktuellen Umfragewerte oder betrachten mit Sorge den erstarkenden rechten Rand. Wenn Patzelt Bilanz zieht, muss er sich in seinem Wahlkreis in Ostbrandenburg umschauen. Er muss durch sein Heimatdorf Briesen gehen, wo die AfD zuletzt auf rund 30 Prozent kam und er mit seiner Frau, seinem Sohn und dem Geflüchteten Haben Legese zusammen wohnt. Dort sieht er jeden Tag, was er während seiner Zeit im Bundestag alles nicht geschafft hat. Woran ist er gescheitert?

Der Politiker

Martin Patzelt wollte nie Abgeordneter werden. Von 2002 bis 2010 war er Bürgermeister der Stadt Frankfurt (Oder), später Vorsitzender der Frankfurter Lebenshilfe, engagierte sich im Eine-Welt-Laden, arbeitete als ehrenamtlicher Richter am Bundessozialgericht und leitete Gottesdienste in Dörfern. Gerade plante er eine sechsmonatige Reise nach Israel, als ihn 2012 der CDU-Kreisverband fragte, ob er für den Bundestag kandidieren will. Erst wollte er nicht, dann machte er es doch.

Er wurde gewählt mit rund 34 Prozent. Patzelt ist Sozialarbeiter, kein Machtmensch. Er erklärt viel, hört viel zu und lächelt sein verschmitztes Lächeln. In seinem Wahlkreis, in dem viele wenig mit Politik und Politikern anfangen können, kommt das gut an. Dort nennen sie ihn den „letzten Christen in der CDU“.

Er nimmt seine Arbeit als Abgeordneter mit viel Idealismus auf. Er will anderen helfen, sich um die Schwachen kümmern. Also geht er in den Familienausschuss und in den für Menschenrechte. Doch im Bundestag geht es nicht ums Kümmern. Wer etwas durchsetzen will, muss Strippen ziehen und Verbündete suchen. Patzelt schafft es selten, in der CDU-Fraktion genug Unterstützung für seine Ziele zu finden.

Imago

Patzelt in Frankfurt an der Oder bei einem Veranstaltung zum Mauerfall im Jahr 2014.

Die Geflüchteten

Im Sommer 2015, als jeden Monat Zehntausende nach Deutschland flüchten, nimmt Martin Patzelt zwei junge Männer aus Eritrea bei sich zu Hause auf. Sie heißen Haben Legese und Awet Tekie. Patzelt kommt aus einer Familie, die 1945 aus Ostpommern vertrieben wurde, und möchte Legese und Tekie nun die gleiche Barmherzigkeit erweisen, die seine Familie damals in Brandenburg erfuhr.

Er überlässt ihnen das Obergeschoss seines zitronengelben Hauses, wo vor ihnen schon zwei bedrohte Frauen mit Kindern, eine Studentin aus Ghana und ein ukrainischer Praktikant wohnten. Er verschafft ihnen eine Deutschlehrerin und Arbeit. Einmal nimmt er sie sogar mit in den Bundestag.

Patzelts wohnen in Briesen, einem Ein-Straßen-Dorf mit rund 3000 Einwohnern. Dort gibt es eine Bahnstation und einen Edeka. An die Häuserwände sind Anarchiezeichen gemalt, DDR- und Deutschlandflaggen wehen in den Gärten. Die Menschen in Briesen betrachten die beiden Fremden mit Argwohn, auch Patzelts Familie, aber das stört ihn nicht. Er will sie von ihren Vorurteilen befreien, indem er sie möglichst oft mit Legese und Tekie in Kontakt bringt.

Im Sommer 2021 feiern die Patzelts in ihrem Haus in Briesen ein Familienfest. Bierbänke stehen in ihrem weitläufigen Garten, mehr als 40 Menschen, Geschwister, Kinder und Enkel, sind da. Katharina Patzelt, die Hausherrin, trägt eine braune Kutte. Das Fest beginnt, wie immer, mit einem Theaterstück.

Katharina begrüßt die Anwesenden zur „Fernsehrunde“. Sie steckt ihren Kopf durch einen Bilderrahmen und kündigt die Sendung „Länder – Menschen – Abenteuer“ an. Haben Legese tritt nach vorn. Er hat die eritreische Nationalflagge dabei, hinter ihm ist eine Landkarte aufgebaut. Er erklärt der Familie seine Heimat. Er erklärt, dass er zu Hause zwei Stunden zum nächsten Markt gehen musste und nicht wie zum Edeka fünf Minuten.

Legese spricht fließend Deutsch. Seit 2019 lernt er in Eisenhüttenstadt, wie man Wasserleitungen verlegt und Heizungen entlüftet. In der Region rund um Briesen hat er Freunde gefunden, und Patzelts Familie hat ihn als einen der ihren angenommen. Er ist ein Musterbeispiel für gelungene Integration.

Awet Tekie hatte dieses Glück nicht. Er hat nicht gut genug Deutsch gelernt und seine Ausbildung zum Altenpfleger abgebrochen. 2018 ist er weggezogen nach Köln, mit Martin Patzelt spricht er kaum noch. Im Sommer 2021 ist er krank und reagiert nicht auf Nachrichten.

Katharina kündigt einen neuen Programmpunkt an. Ihre Verwandten bauen eine Leinwand auf und spielen darauf ein Musikvideo ab: „Kein Mensch hat Lust auf Ärger, kein Mensch ist illegal.“ Die Stimme Sebastian Krumbiegels von den Prinzen schallt durch den Garten. Das Lied gegen Rassismus weckt unangenehme Erinnerungen. Während die Musik spielt, geht Katharina betreten zur Seite und zündet sich eine Zigarette an. Haben Legese sitzt jetzt im Publikum, er klatscht verhalten.

2015 bekam Patzelt für seine Entscheidung, die beiden Eritreer aufzunehmen, viel Lob. Dazu gehören zahlreiche Medienberichte, ein Brief von Theo Waigel und sogar Spendenangebote. Doch es hagelt auch Drohungen. Die Schreiben kleben an seiner Haustür, liegen im Briefkasten und kommen per E-Mail, manchmal unter echtem Namen:

„Auch du wirst bald an einer Laterne baumeln.“

„Schade, dass es das Dritte Reich nicht mehr gibt.“

„Linksfaschistischer, dem Multi-Kulti-Wahn verfallener Deutschenhasser.“

Im CDU-Verband sagen sie ihm: Martin, die beiden Geflüchteten aufzunehmen war ein Fehler. Ein Sicherheitsdienst meldet sich bei den Patzelts, er will neue Fenster und Türen in ihr Haus einbauen. Katharina erinnert sich, wie sie den Leuten vom Sicherheitsdienst antwortet: „Dann müssen wir ja unser Tor zumachen. Das haben wir noch nie gemacht.“ Patzelts fühlen sich sicher, von Gott behütet.

Legese und Tekie sind da gerade 19 und 24 Jahre alt. In Eritrea werden Christen wie sie gezwungen, zum Militär zu gehen und Sklavenarbeit zu verrichten, sobald sie die Schule verlassen.

Martin Patzelt will nicht nur den beiden helfen, sondern auch politisch etwas ändern. Schon im August 2014 hat er sich für eine private Unterbringung von Geflüchteten eingesetzt. Warum sollen sie in Zelten, Turnhallen, Notunterkünften schlafen müssen, wenn es auch in Privatwohnungen Platz gibt? Dafür müssten nur ein paar Vorschriften angepasst werden. Er schreibt einen offenen Brief an die Abgeordneten, gibt Interviews. Er trägt es in den Menschenrechtsausschuss. Im Bundestag hält man seinen Einsatz für bemerkenswert. Aber mehr auch nicht.

Heute ist nur jeder zweite Geflüchtete in Deutschland in einer privaten Wohnung untergebracht. In Brandenburg sind es nur rund 35 Prozent, landesweit die zweitschlechteste Quote.

2015 erreicht Martin Patzelt, dass Legese unbezahlt im Edeka arbeiten kann, obwohl über seinen Asylstatus noch nicht entschieden wurde. Patzelt nutzt dafür eine Gesetzeslücke und deklariert den Job als „Praktikum“. Legese soll in Briesen nicht vereinsamen, sondern die Menschen dort kennenlernen.

Einige Einwohner Briesens kommen nicht damit klar, dass ein Schwarzer bei Edeka an der Fleischtheke bedient. Einer von ihnen sagt sogar zur Verkäuferin: „Wenn der bei ihnen die Wurst anfasst, dann komm ich nichts mehr kaufen.“ Die Briesener sehen aber auch, wie Legese schwere Kisten durch den Markt schleppt. Je mehr sie mit ihm in Kontakt kommen, desto mehr akzeptieren sie ihn. Ein paar Monate später wird er zum Grillen eingeladen.

Martin Patzelt will erreichen, dass ein Teil des Geldes, das als Hilfen an Geflüchtete ausgezahlt wird, stattdessen in den Ausbau von geeigneten Jobs gesteckt wird. Er wendet sich damit ans Arbeitsamt, ans Sozialministerium, an die Arbeitgeberverbände, ans Bundeskanzleramt. Aber die Töpfe für Sozialversicherung und die für kommunale Arbeit können nicht vermischt werden. So steht es im Gesetz.

Von jenen Geflüchteten, die seit 2015 ins Land kamen, geht heute nur rund jeder Zweite arbeiten. Und jeder Zweite nicht. Einer von ihnen ist Awet Tekie, der Briesen 2018 verlassen hat. Martin Patzelt sagt, das sei eine seiner größten Niederlagen. Er erklärt sie sich damit, dass Awet aus Asmara, der Hauptstadt von Eritrea, kommt und von Anfang an verwöhnter gewesen sei als Haben, der aus einer Bauernfamilie stammt.

Patzelts konnten nur einem der beiden helfen. Im Bundestag, auf der politischen Ebene, ist er mit der Privatunterbringung und den Arbeitsangeboten komplett gescheitert. Er konnte sich nicht durchsetzen.

Die Christdemokratie

An einem Sonntagnachmittag Ende Juli sitzt Martin Patzelt in seinem Garten und liest das Buch „Die Kandidatin“ von Constantin Schreiber. Darin geht es um ein Deutschland der Zukunft, in dem eine Muslimin als aussichtsreichste Kanzlerkandidatin gilt. Patzelt runzelt die Stirn. Er fragt sich, ob die Deutschen der Zukunft eine solche Kandidatin verkraften können. Er fragt sich, wie sehr sich ein Ausländer, eine Ausländerin anpassen muss, um zur deutschen Gesellschaft zu gehören. Wie sehr hat er Legese und Tekie zur Anpassung gezwungen, sie vielleicht sogar bevormundet?

Später, in der Küche beim Abwaschen, spricht er mit Legese über Armin Laschet, den CDU-Kanzlerkandidaten, der bald für einen Wahlkampfauftritt nach Frankfurt kommt. Legese sagt, er verstehe das nicht. Wieso ausgerechnet nach Frankfurt, diese Stadt an der polnischen Grenze? Patzelt sagt: „Kennst du das Märchen von der Goldenen Gans? So ist das auch bei Laschet. Er geht hin und ganz viele Wähler bleiben kleben.“

Eine Woche später stehen die Brandenburger CDU-Granden auf einem Parkplatz in Frankfurt, nahe der Innenstadt. Schwarze Regierungswagen, Männer in dunklen Anzügen, Handys am Ohr. Da fährt Patzelt mit seinem in die Jahre gekommenen VW Touran um die Ecke, parkt und steigt aus. Er hängt sich lässig die Anzugjacke über die Schulter und geht auf die Gruppe zu, Hände schütteln.

Armin Laschet fährt in einer Limousine vor. Alle gehen auf ihn zu, Patzelt ist der Schnellste. Die beiden kennen sich nur flüchtig, aber sind sofort im Gespräch. Für Patzelt ist es ein Heimspiel, er erklärt Laschet seinen Wahlkreis. Vom CDU-Team und Dutzenden Fotografen begleitet gehen sie zur Brücke, die über die Oder nach Polen führt. Patzelts Nachfolger für das Direktmandat, ein schmaler Rechtsanwalt namens Rosentreter, schleicht schüchtern neben den beiden her.

Auf der Oderbrücke bringen sich Laschet, Patzelt und Rosentreter für die Fotografen in Position. Laschet gibt ein Interview, redet irgendwas von Europa und Zusammenhalt. Sie gehen zurück zum Frankfurter Stadtzentrum, Anzugträger umgeben von Plattenbauten. Vor einer Kneipe vergisst ein Mann, seine Zigarette zum Mund zu führen, ein weiterer bleibt mit seinen Plastiktüten in der Hand stehen und verzieht das Gesicht zur Fratze. Drei arabische Jungs auf einer Parkbank wissen nicht, wer Armin Laschet ist.

Laschet spricht mit keinem, er hält keine mitreißende Rede. Er posiert vor einem Wahlstand und gibt noch ein Interview, in dem er etwas über den Strukturwandel erzählt. Dann setzt er sich in seine Limousine und fährt zum nächsten Termin.

Martin Patzelt fuhr seine Wahlkampftouren 2013 und 2017 mit dem Fahrrad, durch Spreenhagen, Storkow-Rieplos, Brieskow-Finkenheerd und Reudnitz. Er ging in die Kneipen und trank mit den Leuten Bier. Seine Nahbarkeit und ehrliche Art führten ihn zum Sieg. Im Bundestag sind sie ihm ein Hindernis.

Als Anfang 2016 in der CDU-Fraktion eine Unterschriftensammlung herumgeht, die Angela Merkel vor der Landtagswahl in Baden-Württemberg zum Rücktritt zwingen soll, ist Martin Patzelt der Erste, der sich dagegen ausspricht. Er schickt eine E-Mail an die ganze Fraktion, Betreff: „Ich unterschreibe nicht.“ 32 CDU-Abgeordnete schließen sich an, das Vorhaben kippt. Er sei vor der Kanzlerin eingeknickt, hört er von den anderen auf der nächsten Fraktionssitzung.

Patzelt sagt heute, er habe ein Problem mit dem Opportunismus in der CDU, und deshalb habe die CDU ein Problem mit ihm. Er könne in seiner Partei nicht viel erreichen.

Die AfD-Wähler

Just in dem Moment, als sich Laschet, Patzelt und Rosentreter auf der Brücke für die Fotografen in Position bringen, fährt auf der Straße vor ihnen ein AfD-Jeep vorbei. Sie bemerken ihn nicht. Auf den Türen steht in Großbuchstaben „Hol dir dein Land zurück“ und am Steuer sitzt Wilko Möller, der Direktkandidat der AfD.

Einige Tage später sitzt Wilko Möller in seinem Frankfurter Wahlbüro am Schreibtisch. Hinter ihm hängt ein Foto von Alexander Gauland mit Originalunterschrift, von dem er sagt, so eines sollte eigentlich in jedem AfD-Büro hinter dem Schreibtisch hängen – so wie es in Einparteiensystemen üblich ist. Wilko Möller ist Polizist, er spricht mit brummiger Stimme und hat ein Gesicht wie ein Teddybär.

Möller wird vom Verfassungsschutz beobachtet. 2017 teilte er auf Facebook ein Bild eines Soldaten mit Maschinenpistole und Stahlhelm, das mit „Klagt nicht, kämpft“ unterschrieben war – die Bundespolizei leitete deshalb ein Disziplinarverfahren gegen ihn ein. Sein AfD-Ortsverband feierte 2018 ein Weihnachtsfest mit Andreas Kalbitz, damals Brandenburger AfD-Chef, später wegen rechtsextremer Verbindungen aus der Partei geworfen.

Möller hat jeden Dienstag von 16 bis 18 Uhr eine Bürgersprechstunde. Er habe keine schlechten Chancen, das Direktmandat zu holen, heißt es in Frankfurt, wo auch die letzten Europawahlen an die AfD gingen. Weil die Leute hier Angst haben, dass über die polnische Grenze noch mehr Probleme einwandern. Weil sie wollen, dass jemand ihre Stadt wiederaufbaut, in der seit 1990 zwei große Elektronikwerke schließen mussten.

Martin Patzelt hat sich lange gegen den Siegeszug der AfD in Frankfurt gestemmt. Er hat versucht, auf seine Wähler und Wählerinnen zuzugehen. Er hat versucht, ihnen zuzuhören. Als Alexander Gauland nach seiner Niederlage 2017 ankündigt: „Wir werden sie jagen“, nimmt sich Patzelt vor, die AfD zu entzaubern. Er will mit den Rechten reden. Im Bundestag wird Gauland von den meisten Abgeordneten geschnitten, nur Patzelt geht immer wieder auf ihn zu.

2019, bei einem Neujahrsempfang der CDU, sagt er: „Wenn kein anderer Koalitionspartner zur Verfügung steht, dann muss ich selbstverständlich auch mit einer Partei wie der AfD reden.“ Damit stellt er ein zentrales Dogma der CDU infrage. Unter vier Augen stimmen ihm die Parteikollegen zu. Und Patzelt bekommt wieder Hassbriefe. Jetzt von früheren Wählerinnen und Wählern.

„Ekelhaft! Hat nicht eine Stimme verdient.“

„Sie sollten ganz schnell zurücktreten.“

„Sind Sie so machtgeil?“

Er wiegelt ab und sagt, eine Koalition mit der AfD könne er sich dann doch nicht vorstellen. Aber der Schaden ist angerichtet, sein Ruf hat gelitten. Im Bundestag und im Wahlkreis wird er nun selbst geschnitten. Die Leute verstehen nicht, warum er so widersprüchlich handelt: Geflüchtete ins Haus aufnehmen, aber sich dann der AfD annähern. Statt sie zu entzaubern, hat er sich selbst geschwächt.

Was bleibt

In Berlin, Unter den Linden, klebt Martin Patzelt Abdeckfolie an seinen Kleiderschrank. Er trägt Hausschuhe und steht auf einer Leiter. Neben ihm streckt sich Haben Legese nach oben und hält die Folie fest. Auf dem Boden ein Eimer Polarweiß von Hornbach, Cutter, Malerroller und Kreppband. Haben und Patzelt streichen seine Berliner Wohnung besenrein. Hier hat er sich nach den Debatten im Bundestag manche Nacht um die Ohren geschlagen.

Wenn man Patzelt fragt, was von ihm bleibt, sagt er: „Dass ich manche zum Nachdenken gebracht habe.“ Er steigt von der Leiter, ein müder 74-jähriger Mann, und setzt sich erschöpft auf den Eimer. Eines habe er als Sozialarbeiter schon früh gelernt: Sein politischer Erfolg, das sei nicht nur er. Da stehe ein ganzes Orchester dahinter, die Gesellschaft als Gemeinschaft.

Und Legese? Der Eritreer hätte Martin Patzelt gewählt: „Aber ich kenne auch keine anderen Politiker. Also kann sein, dass sich das ändert.“ Er taucht den Malerroller in das Polarweiß und zieht lange Bahnen an Wänden und Decke. Bald kann der nächste Mieter, die nächste Mieterin einziehen.


Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.

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