Son Dakika

„Euer Haus stinkt. Ich will da nicht arbeiten.“

Reklam

BerlinAm Schauspielhaus Düsseldorf hat der Schauspieler Ron Iyamu Rassismus-Vorwürfe erhoben und eine Debatte ausgelöst. Unter anderem haben 22 Künstlerinnen und Künstler, die an einem „Afrokultur“-Projekt des Theaters mitwirkten, eine Petition erstellt, in der sie ihre Arbeit für das Haus aussetzen und ihre Gage ausbezahlt haben wollen. Der Berliner Dramaturg Bernd Stegemann kritisierte diese Reaktion in einem Artikel, der seinerseits Widerspruch von 1400 Theaterschaffenden auslöste. Zu den 22 Theaterschaffenden gehört auch die Berliner Schauspielerin Maya Alban-Zapata, die selbst öffentlich gemacht hat, im Theater an der Parkaue Rassismus ausgesetzt gewesen zu sein. 

Frau Alban-Zapata, Sie sind vor drei Jahren im Theater an der Parkaue bei Proben rassistisch verletzt worden. Als alle internen Instanzen nichts bewirkten, gingen Sie an die Öffentlichkeit. Danach mussten der betroffene Oberspielleiter und dann auch der Intendant gehen. Wie ging es weiter?

Der Interimsintendant hat sich bei mir entschuldigt. Persönlich, empathisch und ohne Hintergedanken, obwohl er gar nicht dabei war. Wir haben mehrere Gläser Wein miteinander geleert und uns richtig gut verstanden. Das hat mir wahnsinnig gut getan. Wir hatten dann einen guten Kontakt, ich wurde einbezogen für Verbesserungsvorschläge an der Parkaue.

Die Sache war also nach dem Weggang der Leitung nicht abgeschlossen und erledigt?

Nein. Ich habe denen erklärt, dass es wichtig ist, nicht nur über Geschichten und Menschen mit nichtweißer Perspektive zu sprechen, sondern auch nichtweiße Theaterschaffende mit Diskriminierungserfahrungen zu engagieren. Ich hatte das Gefühl, dass das ankommt, ich habe in den Communities geschrieben, die suchen gerade, bewerbt euch. Allerdings haben viele BIPoC-Schauspieler*innen gesagt, ich will da nicht hin, ich trau mich da nicht hin. Sie hatten eine Schwarze Schauspielerin, Sophia Hankings-Evans. Aber die ist nach zwei Spielzeiten wieder weg und jetzt in Oberhausen engagiert. Ich glaube, sie haben bis heute keine von Nichtweißen geschriebenen oder inszenierten Stücke im Spielplan und auch keine BIPoC-Menschen mehr im Ensemble. Die Schauspieler, die damals mitgemacht und mitgelacht haben, als diese Witze gemacht wurden oder die es zumindest toleriert haben, die sind immer noch da. Das gibt mir ein Scheißgefühl.

BLZ/Markus Wächter

Eine Berliner Schauspielerin 

Maya Alban-Zapata wurde 1982 in Paris geboren und wuchs in Berlin und Paris auf. Sie studierte Schauspiel am Europäischen Theaterinstitut in Berlin. 

Sie spielte in Berlin u.a. am Deutschen Theater, der Volksbühne, der Neuköllner Oper, dem Renaissance Theater und im Theater an der Parkaue, darüber hinaus in den Theater in Biel, Saarbrücken, Düsseldorf und zahlreichen freien Produktionen in der Schweiz und der Niederlande.

Als Sängerin trat sie u.a. mit Jamiroquai und Mika auf und war an zahlreichen Musikprojekten beteiligt. 

Was hätte man Ihrer Meinung nach anders machen können?

Zum Beispiel, dass die Kulturverwaltung ein reinweißes Gremium zur Findung einer Nachfolge aufgestellt hat, geht so einfach nicht mehr. Da habe ich einen Brief geschrieben und Unterschriften gesammelt. Den musste ich gar nicht mehr abschicken. Das war schon Druck genug. Sie haben das Gremium neu formiert mit zwei Menschen mit sichtbarem Migrationshintergrund. Immerhin, es bewirkt also was, wenn man etwas sagt. Die beiden neuen Intendanten, die jetzt kommen, sind trotzdem beide deutsch und weiß. Das ist enttäuschend.

Und wie sind Sie aus der Geschichte hervorgegangen?

Irgendwie kommst du so schnell nicht da raus. Ich habe aus dieser Erfahrung viel Kraft geschöpft, ich habe eine größere Sensibilität und Expertise für diese Themen bekommen. Ich habe mit vielen Leuten, die von Rassismus, Diskriminierung und Machtmissbrauch an Theatern betroffen sind, Kontakt. Ich habe mit Ron Iyamu aus Düsseldorf telefoniert und habe ihm gesagt, dass ich es toll und bewundernswert finde, was er gemacht hat. Und dann sagt er mir, ja, aber du hast mich inspririert, wenn du nicht vor mir so mutig gewesen wärst, hätte ich diesen Schritt vermutlich nie gewagt. Das ist auch etwas, was ich gelernt habe. Wir sind viele. Die Community ist groß, die Unterstützung ist groß. Das war ein tolles Gefühl: Ich gehöre doch irgendwo dazu.

Haben Sie sich vorher nirgendwo zugehörig gefühlt?

Ich lebe schon immer mit dem Gefühl, dass ich weder richtig Schwarz noch weiß bin. Ich bin keine Französin, obwohl ich in Paris geboren wurde. Meine Mutter ist Frankoperuanerin, aber ich war noch nie in Peru. Mein Vater ist Afroamerikaner, aber er ist mir unbekannt. Ich habe also keinen direkten Bezug zu meinem Schwarzsein. Ich bin 200-prozentige Berlinerin, aber Weiße kriegen das mit meiner Hautfarbe einfach nicht zusammen.

Maya Alban-Zapata

Sie hatten berechtigte Angst, dass Sie mit dem Öffentlichmachen der rassistischen Vorfälle an der Parkaue Ihrem Ruf schädigen und weniger besetzt und engagiert werden. Ist das eingetreten?

Ich arbeite seitdem durch. Auch in der Pandemie-Zeit habe ich viele Jobs und kann mich nicht beklagen. Aber ich denke, dass einige Leute lieber nicht mehr mit mir arbeiten, nur kriege ich das nicht mit. Ein renommierter Regisseur, mit dem ich gearbeitet habe, ruft mich nicht mehr an. Ein Geschäftsführer eines staatlichen Theaterhauses, der mich immer gegrüßt hat, sieht auf einmal zu Boden, wenn ich ihn grüße und ignoriert mich sehr auffällig. Das sind nur die, die man sieht.

Werden Sie angefeindet?

Das brodelt unter der Decke der Zivilisiertheit. Allerdings schaue ich mir die Kommentare unter Zeitungsartikeln oder Interviews nicht an. Insgesamt haben sich meine Ängste nicht bestätigt. Außerdem hilft der Gedanke, dass die Leute, die nicht mehr mit mir arbeiten wollen, weil ich diesen Schritt gemacht habe, Leute sind, mit denen ich auf keinen Fall arbeiten wollen würde. Und es bewegt sich etwas. Wenn es auch schwer ist, die nötige Geduld aufzubringen. Wenn sogar kluge Leute wie der BE-Dramaturg Bernd Stegemann in diesem FAZ-Artikel Rassismus verharmlosen und die Betroffenen bloßstellen.

Das Berliner Ensemble hat sich öffentlich von Stegemann distanziert. Gibt Ihnen das Genugtuung?

Es ist mir egal, aber ich hätte anders gehandelt. Am Theater geht es ähnlich zu wie in Familien. Und wenn da so ein Onkel ist, der rassistische Vorfälle toleriert, dann sage ich nicht einfach, bitte halt den Mund, wenn du mit deinen tollen Bulletten zur nächsten Familienfeier kommst. Sondern dann lade ich den nicht mehr ein. Dann schmeiße ich den raus und sage, pass mal auf, Onkel, so nicht. Geh bitte. Und denk erstmal nach, bevor du dich wieder bei mir meldest. Sprich erst einmal mit Betroffenen und hör ihnen zu. Und wenn du irgendwann siehst, wie verletzend, ignorant und frech das ist, was du sagst, kannst du dich vielleicht wieder blicken lassen und sagen sorry, ich habe da nicht richtig hingeguckt, das war doof, es tut mir leid. Dann sage ich vielleicht, hm, okay, setz dich an den Tisch. Aber erst einmal sage ich: Geh raus.

Es gab ja offenbar kritische Diskussionen, nach denen Stegemann dennoch weiter am Berliner Ensemble arbeiten soll. Sie müssen also einen gemeinsamen Standpunkt gefunden haben, wenn das nicht nur ein Lippenbekenntnis sein soll.

Ich begrüße es ja, dass sie überhaupt öffentlich auf Distanz gehen, aber ich sehe auch, dass das Selbstschutz ist. Vermutlich geht das dann auch erst durch eine juristische Prüfung. Was darf ich sagen, was nicht … Vorsicht, Vorsicht! Nur keinem zu viel Unrecht tun … Ist ja richtig, aber dann blicke ich auf die andere Seite. Und dann sehe ich einen Schwarzen Schauspieler, dem ein Cuttermesser an die Hose gehalten wird und dem gesagt wird „Wann schneiden wir dem N-Wort endlich die Eier ab?“ Und das soll dann irgendwie okay sein. Er hätte aus seiner Rolle heraus reagieren können, schreibt Stegemann. Wie denn? Die Probe war vorbei. Das war nicht mehr der Sklave, sondern das war Ron. Ich gehe doch nicht als N-Wort oder als Sklave aus einer Probe raus und reagiere dann im Spiel. Das ist doch dämlich. Wenn du als Deutscher einen Nazi spielst, dann lässt du dir auch nicht sagen, Nazi, geh mal ein bisschen mehr ins Licht, dann lässt du dich auch nicht nach Drehschluss als Nazi ansprechen oder spielst dann noch ein bisschen weiter. Und weshalb äußert sich Stegemann über Ron Iyamus künstlerische Fähigkeiten, ohne ihn je auf der Bühne gesehen zu haben.

Auch in dem Parkaue-Streit wurde Ihre künstlerische Fähigkeit ins Spiel gebracht.

Ja, ich kenne das. Als ich mich über Rassismus beschwerte, sagte der Regisseur, die kommt eben mit meiner Arbeitsweise nicht klar. Die ist unsicher. Und das macht dann die Runde: Die ist eben eine schlechte Schauspielerin. Widerlich ist das. Und selbst wenn der betroffene Mensch sich keine zwei Worte Text merken kann oder nicht weiß, wo die Rampe ist – das ist kein Grund ihn rassistisch oder anderes diskriminierend zu behandeln. Das ist Mobbing. Das hat doch nichts mit der Freiheit der Kunst zu tun.

Stegemann befürchtet, dass politische Korrektheit die Freiheit der Probe beeinträchtigen könnte. Und dass das Theater dann so langweilig wäre wie der Alltag.

Ich hab in Düsseldorf eine Schwarze Hure gespielt, mit Strapsen und Fick-mich-Stiefeln. Klar mach ich euch die exotische geile Schnalle. Das ist das Stück, das ist okay, da habe ich auch Freude dran. Aber, zum Mitschreiben: Das ist die Rolle. Und überhaupt: Vielleicht ist der Alltag für einen weißen Mann in einer Machtposition langweilig. Für Leute wie mich, mit erkennbarem Migrationshintergrund, Frauen mit Kopftuch, Männer mit Kippa oder für homosexuelle Paare, die in der Öffentlichkeit Hand in Hand gehen … für uns ist der Alltag keineswegs langweilig. Weil du dich ständig bedroht fühlst, weil du dich ständig behaupten musst, weil du ständig argumentieren musst. Das ist überhaupt die größte Frechheit an dem Artikel, uns zu unterstellen, dass wir uns rassistischen Vorfälle zu Nutze machen, statt in die Kommunikation zu gehen. Das ist das Allerletzte, wenn uns ein alter weißer Mann sagt, wir gehen nicht in die Kommunikation. Das tun wir jeden verdammten Tag, seit wir auf dieser Welt sind.

Sie und weitere 21 Künstlerinnen und Künstler einer Schwarzen Produktion haben in Düsseldorf das Gespräch erst einmal abgebrochen.

Eigentlich hätten wir da jetzt proben sollen. Als ich das Interview mit Ron Iyamu gesehen habe, habe ich gedacht: Nicht schon wieder! Und dann das Statement des Intendanten Wilfried Schulz! „Das war ein Fehlverhalten, darüber müssen wir nicht sprechen“ – falsch, darüber muss man sprechen, erster Fehler. Vielleicht meint er sein Mea culpa ja ehrlich, weiß ich nicht. Aber dann sagt er gleich, dass er kein Meldesystem will. Was heißt denn das? Das heißt, dass Ron Iyamu eine Petze ist. Die wissen doch alle, was bisher ungesagt geblieben ist von sexuellen Übergriffen und Machtmissbrauch. Und dann ist das Erste, was ihm einfällt, dass er aber kein Meldesystem will? Doch, brauchen wir. Leute gehen kaputt und sollen nichts sagen dürfen? Mensch, ich bin doch eigentlich stark, ich hab so viel Chuzpe, ich bin eigentlich eine selbstbewusste Frau, aber ich habe mich damals so klein gefühlt, ich habe mich noch nie so demütigen lassen wie in diesen drei Wochen. Das bleibt. Man schämt sich dafür, dass man das hat mit sich machen lassen.

Sie haben Angst, dass sich das wiederholt?

Ich will an diesem Haus, an dem das passiert ist, nicht arbeiten. An diesem Haus, wo das unter den Teppich gekehrt werden sollte. Da gibt es ganz offensichtlich Probleme, die von oben kommen und das seit langer Zeit. Und ihr macht die Augen zu, das ist verlogen. Euer Haus stinkt. Und deswegen gehe ich da nicht rein. Und dann kannst du sagen, ja, wir machen den Kackhaufen gleich weg. Selbst wenn ihr es schafft, dann stinkt das immer noch eine Weile. Da muss an lange lüften. Ein Mea culpa und ein Rassismuscoaching reichen da nicht. Mich erinnert das alles an die Situation an der Parkaue, und ich bin immer noch traumatisiert davon. Ich muss da wirklich auf mich aufpassen.

Armin Petras hat sich per Mail bei Ron Iyamu entschuldigt, ist die Sache damit erledigt?

Ich kenne diese Mail. Ich finde wirklich gut, was Petras sagt, wie er seine Fehler benennt und sich entschuldigt. Aber so lange er es nicht öffentlich tut, sondern in einer privaten Mail an Ron Iyamu, ist es nicht erledigt. Daran ändert auch nichts, dass sein Bremer Intendant jetzt Zitate aus dieser Mail veröffentlicht hat und das irgendwie so unauffällig in die Debatte slippen lässt. Warum steht Armin Petras nicht selbst dazu? Das wäre doch mal ein gutes Beispiel!

Jetzt will Wilfried Schulz die Vorfälle extern untersuchen lassen. Geben Sie ihm als Düsseldorfer Intendanten noch eine Chance?

Er sollte den Anstand haben, von selbst zu gehen. Sein Rücktrittsschreiben liegt schon auf dem Schreibtisch, vielleicht hofft er noch, dass sich der Wind legt und er der „Intendant der Veränderung“ werden kann. Aber du kannst kein „Intendant der Veränderung“ werden, wenn du das Problem noch nicht einmal verstehst. Und wenn so jemand dann auch noch das Theater-der-Welt-Festival kuratiert, was heißt das? Dass das in Ordnung ist, was da passiert ist? Nein, er sollte jetzt gehen. Es wäre besser, das Leuten zu überlassen, die sich mit dem Thema auseinandergesetzt haben und Betroffenen zuhören. Das können das von mir aus auch weiße Deutsche sein. Es ist schon so, dass der Gestank ein wenig nachlässt. Und dass auch die weißen Nasen feiner werden und schneller reagieren. Und das passiert nur, weil wir so agieren, wie wir agieren. Für viele geht es vielleicht jetzt ein bisschen schnell, die verstehen nicht, dass man heute nicht mehr darf, was man gestern noch durfte. Ja, aber mir, die ich mein Leben lang darunter leide, geht es nicht schnell genug. Reden wir also miteinander, aber nicht nur mit den Lippen! Ja, manche haben Angst und wollen nicht aus ihrer heilen Welt der Privilegien heraus. Ich kann verstehen, dass es nicht leicht ist, wenn etwas ins Wanken gerät, das man kennt. Aber dann ist es auch nicht mehr so langweilig, versprochen.

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