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„Einen Schlussstrich ziehen, geht einfach nicht“

Reklam

Berlin/JerusalemEin Essay des Genozidforschers Dirk Moses, der im Mai dieses Jahres veröffentlicht wurde, erregte international Aufsehen: „Der Katechismus der Deutschen“ entfachte laufende Diskussionen über das Verhältnis des Holocaust-Gedenkens zur vergleichsweise zaghaften Erinnerungskultur gegenüber den deutschen Kolonialverbrechen. Die Berliner Zeitung und die Berliner Zeitung am Wochenende begleiten diese Debatte, die von manchen als „Zweiter Historikerstreit“ bezeichnet wird. In einem exklusiven Beitrag für die Berliner Zeitung meldet sich dazu nun der renommierte Holocaustforscher Yehuda Bauer zu Wort.  

Wie bekannt, veröffentlichte Professor A. Dirk Moses, der an der Universität von North Carolina unterrichtet, seinen wichtigen Artikel, „Der Katechismus der Deutschen“ (in: Geschichte der Gegenwart, Zürich, 23.5.2021), der inzwischen in eine große Debatte mündete, in die auch der Philosoph Jürgen Habermas eingriff.

Professor Moses ist ein führender Akademiker in Sachen Genozid- und Holocaustforschung und hat hochinteressante Bücher über diese Themen herausgegeben. Als Sohn eines australischen anglikanischen Geistlichen, der auch gleichzeitig ein renommierter Historiker ist, weiß er genau, worum es sich handelt, wenn er den Begriff „Katechismus“ verwendet. Kurz, und hoffentlich genau zusammengefasst, wirft er dem offiziellen Deutschland, großen Teilen der deutschen Gesellschaft und besonders dem akademischen Milieu vor, die deutsche koloniale Vergangenheit mit ihrem Rassismus und ihren Genoziden bis heute zu ignorieren.

Diese Vergangenheit übte, so Moses, unter anderem einen zentralen Einfluss auf den Genozid an den Juden, auf den Holocaust, aus. Der Holocaust war, so sagt er, von vielen Faktoren beeinflusst – von Antisemitismus, von Kolonialismus und Imperialismus, von der paranoiden Angst um die Sicherheit der Deutschen, von wirtschaftlichen Elementen. Nach einer langen Periode nationalistischen Verneinens der Gräueltaten, die vom NS-Regime verübt wurden, folgen nun Selbstbesinnen und eine kompensatorische Einstellung, die eine künstlich wiedererwachte deutsch-jüdische Symbiose mit aus der ehemaligen Sowjetunion eingewanderten Juden realisieren will, begleitet von einer kritiklosen Unterstützung Israels.

Eine fast religiöse Interpretation

Die Redefreiheit und Kritik an Israel werden behindert, sagt Moses. Verteidigung der Politik Israels werde als zentraler Punkt in der deutschen Politik verstanden. Ein neuer, obligatorischer „Katechismus“ werde entwickelt. Moses detailliert ihn und kanzelt ihn ab: den Holocaust, der angeblich ausschließlich aus ideologischen Gründen verübt worden und der einzigartig sei; den Holocaust als Zivilisationsbruch; die Einstellung, dass Deutschland eine besondere Verantwortung sowohl gegenüber Juden in Deutschland als auch gegenüber Israel trage, dass Antisemitismus ein Vorurteil sui generis sei, der nicht mit Rassismus gleichgesetzt werden kann, und ein spezifisch deutsches Phänomen; Antizionismus gleich Antisemitismus. Dieser „Katechismus“, so Moses, wird der deutschen Gesellschaft aufgehalst, indem die Diskussion über den Einfluss des deutschen Kolonialismus und Imperialismus auf die NS-Gräueltaten und den Holocaust unterdrückt wird. Die Redefreiheit, impliziert Moses, ist in Gefahr.

Das Interessante an dieser fast religiösen Interpretation ist, von meinem Gesichtspunkt aus gesehen, die Mischung von etablierten Tatsachen, mit viel Wissen und auch Einfühlung dargestellt, und Erklärungen, die kaum einer realistischen Kritik standhalten können. Da ist der Einfluss von deutschem Kolonialismus und Imperialismus besonders wichtig, denn er beruht auf der Tatsache des Genozids an den Herero und Nama im heutigen Namibia (1904–1907), der den Tod von circa 80 Prozent der Herero und möglicherweise 65 Prozent der Nama zur Folge hatte (aber nicht die Vernichtung anderer Ethnien, so zum Beispiel der Mehrheit der Ovambo und anderer Gruppen).

NS-Politik in der Ukraine war klar kolonial

Die Motivation war der bewaffnete Widerstand der Herero gegen die deutsche Besetzung der Ländereien, die für die Herero lebenswichtig waren, also im Grunde genommen eine typisch kolonialistische wirtschaftliche Motivation, in diesem Falle von einer mit Gewalt durchgeführten Besiedlungsaktion durch deutsche Landräuber begleitet. Andere Kolonialmächte waren ähnlicher Gräueltaten schuldig, und auch sie endeten in einer Reihe von Fällen in genozidalen Gräueltaten. Rassismus war ein essenzieller Teil der Motivation und, wie Moses richtig bemerkt (in seiner Antwort an Habermas), ist er auf die Entwicklungen in Spanien während der Reconquista (das Dekret von Toledo, 1449) zurückzuführen. Der Kontext, von Moses ignoriert, ist die eigentlich relativ kurze Geschichte des Kolonialismus, der mit der Eroberung von Mezo- und Südamerika durch die Spanier (und Portugiesen) im 16. Jahrhundert begann und sich seit dem Ende des 18. Jahrhunderts zu dem entwickelte, was wir (meistens Lenins Analyse folgend) als Imperialismus bezeichnen. Der heutige Imperialismus (z.B. Chinas) folgt einer anderen Entwicklung.

Das NS-Regime versuchte tatsächlich, in der Ukraine, aber anderswo kaum, eine kolonialistische Politik zu betreiben, und auch wenn für die Nazis außereuropäische Kolonien eine marginale Sache waren und der direkte und indirekte Einfluss der deutschen kolonialen Vergangenheit (die ja sehr kurz war – weniger als 40 Jahre), wenigstens als bewusste Politik, gering war, ist die NS-Politik in der Ukraine als klar kolonial, als Teil des deutschen NS-Imperialismus, wie Moses richtig sagt, zu bewerten.

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Genoziddenkmal in Windhoek, Namibia

KZ in Polen hatten nichts mit Kolonialismus zu tun

In anderen, von Deutschland beherrschten Teilen Europas kann man nur in wenigen Fällen von kolonialistischer Politik sprechen. Polen ist das wichtigste Beispiel: An die drei Millionen Juden, also die Mehrheit der 5,6 bis 5,8 Millionen Opfer des Holocaust, wurden dort in deutschen Vernichtungs- und Konzentrationslagern ermordet. Das hatte überhaupt nichts mit Kolonialismus zu tun. Deutsche Siedlungspolitik in Polen richtete sich gegen Juden generell, nicht gegen Juden, die kein territoriales Siedlungsgebiet hatten.

Weiter: Moses behandelt nur die Ukraine und ignoriert auch dort die internen Querelen zwischen den Befürwortern einer eher britischen Kolonialpolitik einerseits und der brutalen Ausnutzung andererseits, die tatsächlich an deutsche Kolonialpolitik erinnerte. In der besetzten Sowjetunion waren die wirtschaftlichen Interessen ausschlaggebend, Stichwort „Lebensraum“. Doch bagatellisiert Moses die Tatsache, dass die Vernichtung der Juden ein gesamteuropäisches Projekt war, das dann auch global aktiviert werden sollte.

Moses irrt: Die Judenvernichtung hatte keine wirtschaftlichen Motivationen und wurde unabhängig von der wirtschaftlichen Ausbeutung der Ukraine verfolgt, denn das Ziel war der Massenmord an sich. Wirtschaftliche Interessen widersprachen dem Massenmord überall; auch im „Osten“. Der Mord geschah in Etappen, bis circa Ende 1943, und Juden wurden zwischenzeitlich, bis sie „beseitigt“ wurden, als Arbeitssklaven ausgenutzt. Doch wenn Ideologie mit der Wirtschaft zusammenprallte, war die Ideologie immer der Gewinner.

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Juden bei der Ankunft im Konzentrationslager Auschwitz

Die Juden, der satanische Feind

Es gelang einer winzigen Minderheit von Juden, in deutschen Zwangsarbeitslagern oder KZ, in Verstecken oder bei Partisanen zu überleben. Mit Kolonialismus hatte das nichts zu tun. Circa 20 Prozent der Herero in Namibia überlebten. Weniger als einem Prozent der Juden gelang das. Die deutsche koloniale Politik zielte auf Territorium und politische Kontrolle, und das hatte mit den Juden nichts zu tun. Man muss auch berücksichtigen, dass der Holocaust nicht vorgeplant war. Man wollte die Juden, den satanischen Feind, loswerden, und erst, als klar wurde, dass Zwangsemigration praktisch unmöglich ist, entwickelte sich die Vernichtungspolitik, angefangen mit dem Überfall auf die Sowjetunion im Juni 1941.

Bis es dazu kam, nahm man den Juden ihren Besitz weg, im Deutschen Reich hauptsächlich, um sie zur Emigration zu zwingen. Nach Juni 1941 war der Raub jüdischen Besitzes ein „natürlicher“ Bestandteil der Vernichtungspolitik, die, kontra Moses, ideologisch motiviert war. Moses’ Ansatz ist irrtümlich: Der Genozid an den Juden war hauptsächlich von einer Ideologie bestimmt, in der wirtschaftliche und andere Interessen zusammenspielten, aber durchaus nicht maßgebend waren.

Das geht sehr klar aus dem Memorandum hervor, das Hitler im August 1936 an Göring richtete, um den Vierjahresplan vorzubereiten. Dort schreibt Hitler, die erste Person Singular benutzend: „Seit dem Ausbruch der Französischen Revolution treibt die Welt in immer schärferem Tempo in eine neue Auseinandersetzung, deren extremste Lösung Bolschewismus heißt, deren Inhalt und Ziel aber nur die Beseitigung der bislang führenden Gesellschaftsschichten der Menschheit durch das international verbreitete Judentum ist … (und daraus folgt, Anm. d. Autors) dass Deutschland die Pflicht besitzt, seine eigene Existenz dieser Katastrophe gegenüber mit allen Mitteln zu sichern … Denn ein Sieg des Bolschewismus über Deutschland würde nicht zu einem Versailler Vertrag führen, sondern zu einer endgültigen Vernichtung, ja Ausrottung des deutschen Volkes.“

Monokausale Interpretationen sind gewöhnlich fehlerhaft, und der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs basierte auf einer ganzen Reihe von Ursachen. Jedoch kann die NS-Ideologie, in der Antisemitismus eine zentrale Rolle spielte, als Motivation zum NS-Bestreben nach einem Krieg nicht ignoriert werden: Aus Hitlers Sicht war ein (Welt-)Krieg der einzige Ausweg aus einer vom jüdischen Bolschewismus angezettelten Übernahme der ganzen Welt durch das „Judentum“. Der „Lebensraum“, also die Ukraine und der Kaukasus, waren in bolschewistischer Hand. Ein Sieg über den Bolschewismus, also das Judentum, würde unvermeidlicher Weise zu der kolonialen Besetzung und Ausbeutung dieser Räume führen. Der Sieg eines deutschen Kolonialismus war also an die ideologisch begründete Vernichtung der Juden gebunden. Deswegen hat Moses paradoxerweise recht, wenn er die beiden geschichtlichen Themen Kolonialismus und Antisemitismus/Holocaust in gewissen Gebieten und Situationen zusammenbringt; nur stellt er die Tatsachen auf den Kopf.

imago/Xinhua

Yehuda Bauer

Ein völliges Missverständnis des Judenhasses

Moses kritisiert die Annahme, dass Antisemitismus ein Vorurteil sui generis ist, also einzigartig in seinen Charakteristika (Punkt 4 des „Katechismus“). Das ist ein völliges Missverständnis des Judenhasses, der zwar auch ein Vorurteil ist, aber viel tiefer geht: Er ist in der sogenannten westlichen Welt eine kulturelle Erscheinung, die auf der Verschiedenheit der Kultur und des kollektiven Bewusstseins dieser Menschengruppe, die sich als Juden versteht, beruht und sie von den anderen, sie umgebenden Kulturen absondert. Der Ursprung des Judenhasses liegt im vorchristlichen Hellenismus. Syriens Seleukiden strebten danach, eine kulturelle und damit ethnisch-politische Einheit zu schaffen, indem sie versuchten, alle polytheistischen Glaubensbekenntnisse unter ein Dach zu bringen. Die Namen der Götter konnten verschieden sein, aber sie hatten dieselben Funktionen. Der König war ein Gott oder gottähnlich. Das konnten die meisten Juden der palästinensischen Provinz Syriens nicht verdauen, denn sie hatten sich von ihrem ursprünglichen Polytheismus zu einer Anbetung eines einzigen, unsichtbaren Gottes entwickelt. Deswegen der Makkabäer-Aufstand.

Wären die Juden in ihrem Ländchen geblieben – mit einer relativ kleinen Diaspora in Babylon –, so wären sie wahrscheinlich ein interessantes, aber marginales Phänomen geblieben. Doch sie verließen über die Jahrhunderte ihr Land (dass sie von den Römern vertrieben wurden, ist Legende), so wie viele andere Bevölkerungen in den römischen und persischen Imperien es taten, und brachten ihre einzigartige Kultur, mit einer imposanten schriftlichen Basis versehen, in die sich später entwickelnden christlichen und islamischen Welten.

Antisemitismus ist spezifisch, aber nicht spezifisch deutsch

Juden und ihre Kultur dienten als Blitzableiter in Krisen der sie umgebenden Gesellschaften – durchaus nicht immer, und an den meisten Orten und während langer Zeitperioden war Judenfeindschaft kaum oder überhaupt nicht zu spüren. Die Fälle, in denen diese Feindschaft sich äußerte, in verschiedenen, nicht immer gewalttätigen Ausdrucksweisen, nennen wir die Geschichte des Antisemitismus. Das ist ein Unikum, und ja, wieder kontra Professor Moses, spezifisch, aber nicht, wie Moses argumentiert, spezifisch deutsch. Vom Christentum und Islam beeinflusste Gesellschaften haben den Antisemitismus entwickelt. In polytheistischen Ländern, zum Beispiel in China, Indien, Japan (außer bei einer kleinen Minderheit unter japanischen Christen), also bei einer Mehrheit des menschlichen Geschlechtes, ist Antisemitismus unbekannt.

Ist also Antisemitismus sui generis? Ja und nein. Es gibt nichts Vergleichbares in der Geschichte der menschlichen Feindschaften: eine über Jahrtausende anhaltende Aversion gegen eine zerstreute Gruppe von Menschen, die einer besonderen Kultur anhängt, die ihrerseits einen großen und anhaltenden Einfluss auf die kulturelle und gesellschaftliche Entwicklung ausgeübt hat und noch weiter ausübt. Also ja, sui generis, aber auch nein, denn solche Entwicklungen sind ein Bestandteil der Geschichte und können, teilweise oder mehr als das, wiederholt werden. Juden sind schließlich Menschen wie andere auch. „Katechismus“ in Deutschland? Kaum.

War der Holocaust ein Zivilisationsbruch, wie der Historiker Dan Diner sagte? Wenn dem so ist, worin besteht er? Er war ein Genozid, das ist klar, also kann und muss er mit anderen Genoziden verglichen werden, denn nur so kann man schlussfolgern, ob er anders als andere Genozide waren. Moses sieht den Holocaust als einen Genozid, der wie andere Genozide seine besonderen Eigenschaften hatte, aber ein zivilisationsändernder Wendepunkt war er seiner Meinung nach nicht, und der deutsche Glaube, der dem folgte, ist ein Teil des obligatorischen „Katechismus“.

Der Zivilisationsbruch ist Tatsache, nicht „Katechismus“.

Holocaustforscher Yehuda Bauer

Doch ist der Wendepunkt, anders als es Moses sieht, ziemlich klar: Wie schon oben beschrieben, war der Holocaust, anders als andere Genozide, das Resultat hauptsächlich einer anti-pragmatischen Ideologie, zum ersten Mal – wenigstens in dieser extremen Form – und deshalb ein geschichtlicher Bruch. Diners Definition so einfach abzutun, wie Moses es tut, ist nicht überzeugend. Der Zivilisationsbruch ist Tatsache, nicht „Katechismus“.

Trägt Deutschland Verantwortung für den Holocaust? Schuld bestimmt nicht – die Schuldigen waren die Täter. Nicht ihre Nachkommen. Doch erbt eine Gesellschaft ihre Vergangenheit, ob sie nun moralisch schön war oder nicht, denn die geistigen Strömungen, die die geschichtliche Entwicklung begleiten, sind multigenerationell. Der Holocaust fand ja vor erst circa 80 Jahren statt, eine viel zu kurze Zeitspanne, als dass er so einfach vergessen werden kann – Stichwort Schlussstrichdebatte.

Gesunde deutsche Haltung gegenüber Israel

Die riesigen Sammlungen von Dokumenten und Zeugenaussagen lassen das auch einfach nicht zu. Der Holocaust ist heute eine politische, kulturelle und gesellschaftliche Realität, die immerfort angesprochen wird, direkt und indirekt. Moses möchte anscheinend einen Schlussstrich unter diese Wirklichkeit ziehen, und das geht einfach nicht. Also ist die deutsche Haltung, wenn man das so verallgemeinern darf – und man darf das eigentlich nicht –, nicht Katechismus, sondern eine wirklichkeitsbezogene, gesunde Reaktion. Moses kritisiert die Unterstützung Israels. Damit hätte er teilweise recht, wenn diese Unterstützung unkritisch wäre. Sie ist es aber nicht. Die offizielle deutsche Politik verteidigt die Existenz Israels als einen unabhängigen jüdischen Staat – und das ist, mit Hinsicht auf die deutsche Vergangenheit, eine prinzipielle Sache und der daraus folgenden Staatsräson –, unterstützt aber die Zweistaatenlösung und damit die Beendigung von Israels Besatzung palästinensischer Gebiete, also hauptsächlich der Westbank. Man kann da von Katechismus kaum reden, denn in der deutschen Publizistik und im politischen Gespräch ist Kritik an der israelischen Politik gegenüber den Palästinensern sehr verbreitet.

Letztendlich kommen wir zum Antizionismus. Es ist unklar, was Moses mit Zionismus eigentlich meint. Zionismus ist eine jüdische nationale Bewegung (es gab auch andere), die – so die zionistischen Theoretiker von Herzl über Nordau, Jabotinsky, Ben-Gurion u.a. – einen unabhängigen Staat anstrebte, mit einer soliden jüdischen Mehrheit und voller Gleichberechtigung der nichtjüdischen Minderheit. Das ist es, was in der israelischen Unabhängigkeitserklärung (14.5.1948) versprochen, aber nicht eingehalten wurde. Wie bei den meisten nationalen Bewegungen gab und gibt es rechtsgerichtete,  mitte-liberale und links-sozialistische Varianten.

Moses’ sogenannter Antizionismus führt zu dem, was Moses bestimmt nicht will, nämlich zu einer antisemitischen Einstellung.

Yehuda Bauer

Moses setzt Zionismus mit der jetzigen israelischen Politik gegenüber den Palästinensern gleich. Die israelische Linke und ein Teil der liberalen Mitte, die im Namen der ursprünglichen zionistischen Ideologie gegen diese Politik agieren, werden dabei ignoriert. Antizionismus, so Moses, sei gegen die Besatzungspolitik der israelischen Rechten gerichtet. Diese Deutung des Begriffs ist völlig falsch. Nach der Antisemitismus-Definition der Internationalen Allianz zum Holocaustgedenken ist Kritik an dieser Politik nicht Antisemitismus – dagegen aber ist das Ziel der Vernichtung Israels oder der Zerstörung Israels als jüdisches Kollektiv mit einem Recht auf nationale Selbstbestimmung ganz klar antisemitisch. An die 80 Prozent der Israelis sind eben Juden, und wenn man Israel abschaffen will, muss man gegen Juden agieren, weil sie Juden sind und ihren Staat verteidigen wollen. Moses’ Kritik an dem, was er Zionismus nennt, impliziert letztlich nichts anderes als die Vernichtung des nationalen jüdischen Kollektivs, während alle anderen nationalen Kollektive nationales Selbstbestimmungsrecht haben.  Also noch einmal: Moses’ sogenannter Antizionismus führt zu dem, was Moses bestimmt nicht will, nämlich zu einer antisemitischen Einstellung.

Glücklicherweise ist die deutsche Gesellschaft nicht einem Katechismus verpflichtet. Die Medien in Deutschland sind offen, und kontra Moses, es wird Redefreiheit geübt. So soll es auch weiter bleiben.

laif/Jonas Opperskalski

Biografie

Yehuda Bauer wurde 1926 in Prag geboren. Im März 1938, in der Nacht des Einmarschs der Wehrmacht, wanderte seine Familie nach Palästina aus. Mit 15 schloss er sich der zionistischen Untergrundorganisation Haganah an. Er lehrte an der Hebräischen Universität in Jerusalem und war lange Direktor des Zentrums für Holocaust-Forschung der Gedenkstätte Yad Vashem. Er veröffentlichte zahlreiche Bücher, u.a. „Wir Juden – ein widerspenstiges Volk“ im Lit-Verlag. In seiner Holocaust-Gedenkrede im Deutschen Bundestag 1998 sagte Bauer: „Das Fürchterliche an der Shoah ist eben nicht, dass die Nazis unmenschlich waren; das Fürchterliche ist, dass sie menschlich waren – wie Sie und ich.“ Bauer lebt in einem Altersheim in Jerusalem.

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