Son Dakika

Das Bordell Europas – eine Utopie

BerlinLetztens war ich in einer Talkshow im SWR. Ich durfte mich äußern zu der Frage, ob Prostitution verboten werden sollte. Immerhin hatte diese Fragestellung den Vorzug der Klarheit: Wird uns doch oft genug das sogenannte Nordische Modell, also das Sexkaufverbot, als Köder hingehalten – nach dem angeblich wir armen Huren nicht kriminalisiert würden, sondern nur die bösen Leute, die uns bezahlen. Dabei ist dieses Modell genau genommen nichts anderes als ein Prostitutionsverbot, diskret verpackt.

Das Elend der Bigotterie

Jedem, der bis zwei zählen kann, ist klar, dass die Kriminalisierung des Kaufes auch den Verkauf unmöglich macht, außer den auf illegalem Wege eben. Zum Beispiel: ein Autor, dem erlaubt bleibt zu schreiben, während dem Leser verboten ist, den Text zu kaufen, dem Verlag, ihn zu veröffentlichen, und dem Buchladen oder Kiosk, Druckerzeugnisse anzubieten, und zwar bei existenzbedrohlichen Strafen und bei Wiederholung auch Gefängnis – wie und wem soll dieser Autor seine Texte anbieten? Natürlich Kriminellen, auf dem Schwarzmarkt, heimlich. Bei einem Buch ist das vielleicht noch ein Abenteuer, aber wenn es um Sex geht, wird es wirklich lebensgefährlich.

Und dass bei diesem Nordischen Modell auch Bordelle, Agenturen und Websites von Prostituierten verboten werden, ebenso das Mieten von Wohnungen (auch privat), der Besuch eines Hotels und sogar das Wohnen zu Hause bei den Eltern, ist eine weitere böse Überraschung für meine Kolleginnen in Schweden. Ebenso in den anderen Ländern, wo das Nordische Modell seit Jahren Gesetz ist: Norwegen, Dänemark, Island, Kanada und Frankreich zum Beispiel. Dort werden Prostituierte zwar nicht bestraft, wohl aber ihre Kunden und auch ihre Freunde oder Kolleginnen. Wenn diese sie beispielsweise zu einem Kunden fahren oder sich am Telefon bereithalten. Ja, richtig gelesen: Zwei Prostituierte, die sich gegenseitig am Telefon in Rufbereitschaft halten oder sich eine SMS schicken, dass alles in Ordnung ist, werden nach dem Nordischen Modell wechselseitig der Zuhälterei angeklagt.

Wie sicher aber kann man sich als Dienstleisterin fühlen, wenn man seine Dienstleistung nur noch im Darknet und am Autobahnstrich an Kriminelle verkaufen kann? Und wenn eine Frau mit Prostitution Geld verdient und ihre pflegebedürftigen Eltern mit dem Geld versorgt, werden auch diese der Zuhälterei angeklagt. Und da Prostitution als bezahlte Vergewaltigung gilt, ist es für Prostituierte fast unmöglich, gewalttätige Kunden anzuzeigen, denn sie taten es ja freiwillig.

Dieses Modell möchten die meisten Parteien in Deutschland natürlich nicht einführen. Die durchweg schlechten Erfahrungen und der Zuwachs an illegaler Prostitution in den betreffenden Ländern sprechen für sich. Amnesty International ist dagegen, ebenso die Deutsche Aidshilfe, der Juristinnenbund, die Diakonie, die Sozialarbeiter vor Ort in den Bundesfachberatungsstellen und natürlich die Betroffenen.

Auf der Gegenseite: Alice Schwarzer und die Emma, die das Schlagwort aufbrachte, Deutschland sei das Bordell Europas, und dies sei natürlich ein Skandal! Die Frauenunion fand das auch, die Schwäbischen Landfrauen, eine Nonne namens Lea Ackermann, ein Bündnis evangelikaler Sekten, kurz: der Pietkong, und einzelne Politiker wie Boris Palmer oder Leni Breymaier (MdB), Wahlkreis Aalen – Heidenheim. Letztere war auch in der Talkshow.

Falls die Intention dieser Sendung war, die Menschen vom Ländle aus auf den Pfad der Tugend zu bringen, erwies sich die Idee einer repräsentativen Umfrage zu dem Thema als höchst ärgerlich: Oh Wunder, 77 Prozent der Deutschen finden, dass Prostitution nicht verboten werden sollte. Deutschland ist nicht Schwaben. Die Sendung wäre eine müßige Angelegenheit für mich gewesen, hätte meine Präsenz nicht bewirkt, dass sich hinterher viele nette Männer bei mir gemeldet haben, die mit mir schlafen wollten. Einer sagte mir, eigentlich sei doch der einzige Weg, die schlechten Arbeitsbedingungen zu verbessern, bessere Arbeitsbedingungen zu schaffen. Man müsste das ideale Bordell errichten.

Das ideale Bordell, davon träume ich schon lange! Zwar wird es schwierig, in der Realität dafür die Mittel und die Immobilie zu finden. Aber hier, in meinem Text, kann ich es ja schon mal als Planskizze entwerfen. Es existiert schon seit Jahren in meiner Fantasie. Ich gehe dort ein und aus. Es ist mein Reich. Das Bordell meiner Träume – wie sollte es anders heißen als: Bordell Europas.

Eine Utopie

Es soll ein öffentlicher Ort sein. Einladend für alle Beteiligten. Es versteckt sich nicht. Es ist schamlos. Scham erzeugt nur wieder Scham. Wer in das Bordell Europas geht, der will sich zeigen. Es ist kein fensterloser Container im Industriegebiet. Es ist in der Innenstadt. Dies auch zur Sicherheit, der Weg von der und zur Arbeit muss mit dem öffentlichen Nahverkehr möglich sein. Niemand, der hier arbeitet, soll angewiesen sein auf ein Auto, einen Fahrer oder teure lange Taxifahrten.

Auch drinnen geht es schamlos zu. Anders als in anderen Bordellen schleichen die Kunden nicht verschämt durch lange Flure. Nein, hier gibt es einen großen Salon mit einer Bar und eine Tanzfläche mit Livemusik! Einige Huren sind auch Musikerinnen und können hier, je nach Belieben, als selbstständige Sexdienstleisterin oder fest engagierte Künstlerin arbeiten. Oder beides. Der Dresscode: Black Tie, halbnackt, Karneval. Wer besonders viel Fantasie beweist, bekommt vergünstigten Eintritt. Frauen zahlen weniger als Männer. Das Haus ist prinzipiell für alle Geschlechter offen, und Huren aller Geschlechter erwarten sie. Großen Wert legt das Haus auf spektakulär gute Küche. Es ist eine beliebte Ausrede, dass man nur wegen des Essens hingeht. Das Dinner beginnt so spät, dass man bequem nach einem Opern- oder Theaterbesuch hier eintreffen kann. Gern auch mit der eigenen Ehefrau. Prominente lassen sich gern sehen, auch internationale Stars freuen sich auf den Besuch – Fotografieren ist selbstverständlich verboten.

Und dann die Show: Nach dem Dinner wird der Abend mit einem Varieté-Programm eröffnet, dargeboten von allen anwesenden Huren, die wollen. Eine tanzt vielleicht als Burleske einen Schleiertanz, eine singt Chansons, eine andere hält einen eloquenten Vortrag, eine führt Zauberkunststücke auf, eine erzählt Witze, eine spielt nackt Balalaika … Es gibt Shibari-Fesselkunst und Pantomime. Ein besonderes Highlight ist der umgekehrte Striptease, bei dem eine nackte Unschuld die Bühne betritt, die sich frivol bekleidet und eine Rolle einnimmt – jedes Mal eine andere. Der Charme besteht nicht im sogenannten künstlerischen Niveau, sondern in der Echtheit. Die Schaulustigen genießen den verruchten Schauer, echte Huren zu sehen. Und dass sie diese vielleicht im Anschluss an ihren Tisch bitten werden (Getränkeprovision für die Hure!) und um ein intimes Stelldichein bitten könnten – in der Hoffnung, erhört zu werden.

Die Teilnahme am Bühnenprogramm ist spontan und freiwillig. So wie alles, was die Huren anbetrifft, die sich hier zu Hause fühlen sollen. Im Bordell Europas müssen die Huren keine Zimmermiete und keinen Eintritt bezahlen, so wie das in Laufhäusern oder Saunaclubs der Fall ist. Provision wird natürlich auch nicht genommen. Die Huren behalten ihre individuell selbst festgelegten Honorare und erhalten zusätzlich eine Aufwandsentschädigung für ihre hochgeschätzte Anwesenheit.

Die Gäste hingegen zahlen einen so hohen Eintritt, dass es sich rechnet für das Haus. Denn staatliche Subventionen sind wohl nicht zu erwarten, auch wenn der Ort ein Touristenmagnet ist. Wenn ich mir überlege, was meine Kunden für Dinner, Hotel und Champagner zahlen, dann sollte der Eintritt um die tausend Euro pro Person liegen. Dafür bekommt der Gast das Menü des Tages, die Bühnenshow und alles, was er nur mit den Augen berührt. Und die Musik nach der Show, an den Plattentellern DJane Gloria Viagra.

Die Zimmer in den oberen Etagen stehen jedem zur Verfügung, der handelseinig wird. Jedes hat ein eigenes Bad, kostenlose Kondome, ein Bullauge mit Blick auf die Tanzfläche unten, einen Notausgang über die Feuerleiter und ein Notrufsystem. Aber man kann auch auf den flauschigen Teppichen im Flur übereinander herfallen oder im Hammam oder mitten auf der Tanzfläche. Oder in den dekadent dekorierten Toilettenräumen. In dem kleinen Kino unter dem Dach, mit sorgfältig kuratierten Pornofilmen. Oder im Keller, wo versierte Doms und Dominas wunderbare Spielzimmer für BDSM und andere Fetische eingerichtet vorfinden. Nur die Küche ist tabu und der Backstage-Bereich.

Natürlich ist es für jede Hure regelmäßig möglich, eines der Boudoirs exklusiv für sich zu reservieren. Bei dauerhafter Reservierung über ganze Monate ist der Preis nicht über dem Mietspiegel. In den Zimmern übernachten, wenn die Gäste gegangen sind, ist für alle gratis möglich, die in den Stunden davor dort gearbeitet haben. Niemand wird auf die Straße gesetzt. Ein Schutz vor häuslicher Gewalt und Zuhälterei: Das Sicherheitsteam sorgt dafür, dass kein wutentbrannter Hahnrei oder ausbeuterischer Loverboy sich Zugang verschaffen kann. Nette Sozialarbeiter, die das Vertrauen der Huren genießen, dürfen gern am Nachmittag zum Frühstück kommen.

Das Frühstück gibt es backstage im Aufenthaltsraum. In der traditionellen Puffküche, wo geraucht und gelästert wird. Backstage sind auch die Garderobe, Toiletten und Duschen für die Huren, das Puderzimmer mit den Schminktischen, wo es besonders lehrreich ist, die Drag Queens bei ihrer Verweiblichung zu studieren. Und dann gibt es natürlich die Betriebskita für die kleinen Hurentöchter und Hurensöhne – inklusive Hort, Hausaufgabenhilfe und Nannys, die die Kinder auch nachts betreuen und ihren Schlaf behüten, wenn Mama oder Papa arbeiten. Zur Not sind die Eltern nie weit. Außerdem gibt es einen Ruheraum, einen Computerraum, einen Späti mit speziellem Sortiment, eine Apotheke, eine Krankenstation und eine vom Gesundheitsamt betreute Fixerstube – harte Drogen sind zwar im Haus tabu und Gäste, die Drogen mitbringen, erhalten Hausverbot. Aber sollte eine Hure drogenabhängig sein, bekommt sie Hilfe und muss sich nicht draußen auf der Straße in Gefahr begeben. Alle medizinischen Einrichtungen sind bevorzugt für Huren ohne Krankenversicherung. Eine Masseuse stellt sich auch im Laufe des Abends ein, um zwischendurch die Stöckelschuh-geplagten Füße zu massieren.

Tagsüber finden in den Räumen Seminare und Fortbildungen statt: Sprachen, Steuern und Buchhaltung, erotische Hypnose, Psychohygiene, Rechtsberatung, Chiromantie, Tanz und Yoga, intersektioneller Feminismus. In Kooperation mit den Instituten für Gender Studies, Geschichte und Sexualkunde der Universitäten Berlins. Diese Lehrveranstaltungen sind auch für die Studentinnen und Studenten dieser Institute geöffnet. Respektvoller Umgang vorausgesetzt. Auf dem Dach kann man sich sonnen. Das Kino zeigt dreimal in der Woche nachmittags Kinderfilme. Einen Gebetsraum brauchen wir nicht.

Wo in Berlin könnte ein solches Haus stehen? Am besten an nächtlichen Flaniermeilen, idealerweise in der Nähe zum Straßenstrich, um von den Huren dort in Betracht gezogen zu werden. Vielleicht zwischen Kurfürstenstraße, Kudamm und Kreuzberg? Da steht doch schon so ein großes Theater, das Goya! Nehmen wir doch das. Alternativ würde der Admiralspalast eine geeignete Immobilie darstellen. Dort war schließlich schon mal so ein Vergnügungstempel, in den Goldenen Zwanzigern. Oder Karstadt am Hermannplatz. Oder das leere Stadtschloss, sobald wir das ganze Diebesgut zurückgegeben haben!

Und wer soll so ein Haus leiten – am besten ohne Streben nach Profit? Es kann nur ein Kollektiv der Menschen sein, die selbst dort arbeiten: Huren, Barkeeper, Bühnentechniker, Zimmermädchen. Vom Restaurantchef bis zur Reinigungskraft, vom Pressesprecher bis zum Hausmeister. Das Bordell Europas muss eine Genossenschaft sein. Diese Genossenschaft regelt basisdemokratisch die Hausordnung, ersinnt Regeln gegen Preisdumping und gegen Ausgrenzung und hält gute Beziehungen zu Behörden, Lokalpolitik und Aktivistinnen der globalen Hurenbewegung. Im Kampf gegen das sexuelle Elend und das Elend in der Prostitution. Was steht in Leuchtschrift über dem Portal? Huren aller Länder, vereinigt euch – hier!

Utopisch

Es ist utopisch. Es ist unmöglich. Zum Scheitern verurteilt. Die Gründe sind Legion: die Auflagen des Bauamts, die Behörden, die Sperrbezirksträume der Eigentümerversammlungen in der Nachbarschaft, die in Berlin so leben wollen wie in Villingen-Schwenningen. Dann natürlich die sagenumwobene Rotlichtmafia, die wohl persönlich vorstellig werden wird, um Schutzgelder abzupressen. Und ist nicht eh die gesamte Baubranche in Mafia-Händen? Auf der anderen Seite natürlich innere Konflikte: Streit in der Genossenschaft, Gier, Neid und Burn-out für alle vor der Eröffnung, kurz, die menschliche Schwäche. Aber der größte Fehler von allen liegt wohl im System: Mein Bordell Europas, es ist ein Luxusschuppen. Und damit vollständig abhängig von der entsprechenden Klientel. Luxuskundschaft. Reiche Leute. Aber die Reichen, die machen so etwas nicht, die würden einander niemals im Bordell begegnen wollen. Die sind verschämt, wenn es ums Ficken geht. Die meisten. Verdrängte Scham für ihren Reichtum, verständlicherweise. Verdrängt und verlagert, auf die Libido. Verschämte Sünder, Feiglinge, Spanner, „Tatort“-Publikum. Ja, die bürgerliche Gesellschaft … Es gibt kein richtiges Bordell im Falschen.

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