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„Das Biotop Berlin geht ein, wenn niemand mehr kommt“

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BerlinDas Ende der Corona-Krise ist endlich absehbar. Berlin wirbt wieder um Touristen, und Easyjet, die größte Airline am BER, bereitet sich auf die Erweiterung des Angebots vor. Doch viele Berliner finden es gar nicht schlimm, dass während der Pandemie kaum noch Touristen in die Stadt gekommen sind. Zudem ist die Luftfahrt im Zeichen der Klimadiskussion in die Kritik geraten, und die Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock setzt sich für die Einstellung von Kurzstreckenflügen ein. Im Interview erläutern Burkhard Kieker von Visit Berlin und Stephan Erler von Easyjet, wie es mit einer der wichtigsten Branchen Berlins weitergeht. Für sie lautet die zentrale Frage: Was für eine Stadt wollen wir?

Berliner Zeitung: Herr Kieker, Corona hat den Berlin-Tourismus fast ausgelöscht. Von ein paar Geschäftsreisenden abgesehen, sind die Hotels seit Monaten leer. Was haben Sie, der Chef von Visit Berlin, die ganze Zeit über getan?

Burkhard Kieker: Wie auf der Brücke eines Schiffes im Sturm hatten wir alle Hände voll zu tun. Wir haben versucht, unter den Bedingungen einer Pandemie und den damit verbundenen Einschränkungen das Machbare für den Berlin-Tourismus möglich zu machen. Das hat uns im vergangenen Jahr immerhin noch ein Gästeaufkommen von 67 Prozent eingebracht. Aber natürlich: Corona hat den jahrzehntelangen Aufwärtstrend im Berlin-Tourismus erst mal gestoppt.

In der Corona-Krise ist Berlin übergangslos von Overtourism an einigen wenigen Orten in den härtesten stadtweiten Undertourism gerutscht.

Burkhard Kieker

Ich habe den Eindruck, dass viele Berliner nicht traurig darüber sind, dass kaum noch Touristen kommen.

Burkhard Kieker: In der Corona-Krise ist Berlin übergangslos von Overtourism an einigen wenigen Orten in den härtesten stadtweiten Undertourism gerutscht. Und dieser Undertourism schmeckt bitter, weil viele Familien ihre Einkünfte verloren haben. Das haben inzwischen alle gemerkt – darunter auch diejenigen, die gern mal die Nase über Berlin-Besucher gerümpft haben. Auch die Kulturszene ist betroffen: Unser Kultur-Monitoring hat ergeben, dass 75 bis 95 Prozent der Besucher von Berliner Kulturveranstaltungen von außerhalb Berlins kamen. Deshalb ist es auch für die Kulturszene so wichtig, dass die Berliner Hotels wieder Touristen empfangen dürfen. In der Krise haben die Berliner gelernt, dass das, was wir als Flair dieser Stadt wahrnehmen, zum großen Teil von unseren Gästen bezahlt wird. Und dass dieses Biotop schnell eingeht, wenn niemand mehr kommt.

Sie sagen also, dass die Corona-Krise einen Lernprozess bei den Berlinern ausgelöst hat. Ich sage: Viele Einheimische wollen lieber unter sich bleiben. Sie wollen keine Touristen.

Burkhard Kieker: Für uns bei Visit Berlin sind es Gäste. Oder noch besser: Kurzzeitbürger. Das ist eine Bezeichnung, die zu Berlin passt. Denn weiterhin ist Berlin eine Stadt, die Gäste willkommen heißt – von einzelnen Milieus, die sich selbst genügen, einmal abgesehen. Während der Pandemie hat Berlin gemerkt, wie stark die DNA der Stadt auf das Empfangen, Betreuen und den Austausch mit Gästen ausgerichtet ist. Diese Willkommenskultur müssen wir jetzt wieder aufblühen lassen. Ich bin mir sicher, dass uns das schnell gelingen wird.

Stephan Erler: Das Lebensgefühl in Berlin hat darunter gelitten, dass persönlicher Austausch mit anderen über Monate hinweg kaum noch möglich war. Touristen und Geschäftsleute blieben weg, Kongresse und Messen fielen aus, Studenten blieben zu Hause, in ihren Heimatstädten in Baden-Württemberg und in Thüringen. Dieser Mix wird wieder kommen.

Die vergangenen 15 Monate war die anstrengendste Zeit, die ich je erlebt habe.

Stephan Erler

Herr Erler, die Corona-Krise hat auch die Luftfahrtbranche hart getroffen. Konnten wenigstens Sie als Deutschland-Chef von Easyjet ein paar Monate Urlaub nehmen?

Stephan Erler: Nein, ganz im Gegenteil. Die vergangenen 15 Monate war die anstrengendste Zeit, die ich je erlebt habe. Sicher, viele Mitarbeiter mussten in Kurzarbeit geschickt werden. Aber wir in der Verwaltung hatten alle Hände voll zu tun. Wir mussten das Flugprogramm herunterfahren, Budgets finden, den Neustart vorbereiten. Wir haben Flugzeuge verkauft und zum Teil zurückgemietet. Es gab viel Angst: Wie kommen wir durch die Krise? Aber auch viel Energie. Heute können wir sagen, dass Easyjet gut dasteht. Wir haben mehr als fünf Milliarden Euro eingeworben, mit der Aufnahme von Krediten und der Ausgabe von Aktien. Das hat uns dabei geholfen, ohne Staatshilfen durch die Krise zu kommen. Wir waren vor der Krise ein kerngesundes Unternehmen, und wir sind es weiterhin. Easyjet gehört zu den wenigen Airlines, die ein so gutes Rating haben, dass Investoren ihnen Geld geben. Trotzdem ist es ein dickes Brett, das wir in dieser Krise bohren müssen.

Wie weit ist der Verkehr in Berlin und anderswo bei Easyjet zurückgegangen?

Stephan Erler: Im vergangenen Jahr zeitweise auf null. Im März, April und Mai 2020 haben wir den Verkehr über Wochen komplett heruntergefahren. Erstmals in 25 Jahren Unternehmensgeschichte war kein kommerzieller Easyjet-Flug unterwegs. Auf das gesamte Geschäftsjahr gerechnet, ging das Fluggastaufkommen auf circa 15 Prozent zurück. Jetzt gehen wir allerdings davon aus, dass wir den Verkehr im kommenden Hochsommer wieder signifikant hochfahren werden.

Ist schon absehbar, in welchem Maße Corona der Berliner Hotelbranche geschadet hat?

Burkhard Kieker: Viele Hotels sind geschlossen, und bei manchen ist ungewiss, ob sie nach der Pandemie wieder aufmachen werden. Doch noch liegt das ganze Panorama im Nebel, und dieser Nebel wird sich im Lauf der Sommersaison verziehen. Die Menschen wollen wieder reisen. Viele Mitarbeiter, die ihre Arbeitsplätze in der Hotellerie verloren haben, werden wieder dorthin zurückkehren.

Viele Menschen aus der Tourismusbranche haben in der Krise ihre Arbeit verloren. Geht Ihnen das nicht nahe?

Burkhard Kieker: Sehr. Gleich zu Beginn des ersten Lockdowns 2020 haben wir bei Visit Berlin schnell umgeschaltet und sind in den Rettungsmodus gegangen. Wir haben unsere Callcenter-Anlage hochgefahren und waren gemeinsam mit der Investitionsbank Berlin Ansprechpartner für die Branche, haben viel erklärt, viel zugehört. Wir mussten auch viel Seelsorge leisten, und es gab einige Tage, an denen ich abends einen Schnaps brauchte. Unser Team wurde mit enorm vielen Schicksalen konfrontiert. Da war der auf Architektur spezialisierte Stadtführer, der keine Gäste mehr herumführt, oder der Barbesitzer, der für die Verwirklichung seines Lebenstraums das Sparbuch seiner Oma aufgelöst hat. Das sind nur zwei Beispiele.

imago/Uwe Steinert

Der Tourismus-Chef

Burkhard Kieker (60) ist seit 2009 Geschäftsführer der Berlin Tourismus & Kongress GmbH, die unter dem Markenzeichen Visit Berlin agiert. Er ist verantwortlich für das weltweite Marketing der deutschen Hauptstadt und für die Pflege der Marke Berlin. Bei den Berliner Flughäfen leitete Kieker zuvor das Aviation-Marketing. Er trug dazu bei, dass Easyjet Schönefeld 2004 ins Programm aufnahm und zu einer wichtigen Basis ausbaute. Die Lufthansa und die Wochenzeitung Die Zeit sind weitere Stationen von Kieker, der in Bergneustadt in Nordrhein-Westfalen geboren wurde und die Münchener Journalistenschule absolvierte. Er ist mit einer Ärztin verheiratet, hat zwei Kinder und lebt in Friedenau. In der Schorfheide gehört ihm eine Rinderherde.

imago/Future Image

Der Airline-Chef

Stephan Erler (34) ist seit 2019 Deutschland-Chef (Country Manager) von Easyjet. Das britische Unternehmen ist in Berlin die Airline mit dem größten Marktanteil. Mehr als tausend Menschen arbeiten hier für Easyjet. Seit 2004 ist die Fluggesellschaft in Berlin vertreten. Der Flughafen Hamburg, Air New Zealand und das Touristikunternehmen Thomas Cook sind weitere Unternehmen, für die Erler, der in Gera in Thüringen geboren wurde, bislang schon tätig war. Stephan Erler hat in Konstanz sowie in Warwick in England und Strathclyde in Schottland Wirtschaftswissenschaften studiert.

Wie sieht es außerhalb Berlins aus?

Burkhard Kieker: In vielen Städten ging in den Tourismuszentralen sofort das Licht aus, als die Corona-Krise begann. In New York musste mehr als die Hälfte der Belegschaft entlassen werden. Berlin ist da besser. Die Wirtschaftsverwaltung weiß, dass wir eine der wichtigsten Branchen in Berlin fördern. Sie hat uns mit genügend Mitteln ausgestattet, damit die Berlin-Werbung wieder richtig durchstarten kann. Die Kampagne „Endlich wieder. Berlin.“, die wir seit Monaten vorbereitet haben, ist gerade in Deutschland gestartet und wird später auch im Ausland ausgespielt. Berlin ist wieder da, das ist unsere zentrale Botschaft.

Für mich steht Deutschland klar auf der Seite derjenigen, die es besser als andere Nationen gemacht haben.

Burkhard Kieker

Waren die Corona-Maßnahmen in Berlin und anderswo in Deutschland zu hart?

Burkhard Kieker: Diese außergewöhnliche Situation, für die es kein Vorbild gibt und in der alle Verantwortlichen auf Sicht fahren mussten, ist gut gemanagt worden. Corona ist eine Krankheit, die man erst dann richtig verstehen kann, wenn jemand im Bekanntenkreis schwer erkrankt ist. Auch Mitarbeiter von Visit Berlin haben in der Pandemie Menschen, die ihnen nahestanden, verloren. Für mich steht Deutschland klar auf der Seite derjenigen, die es besser als andere Nationen gemacht haben.

Stephan Erler: Die Staaten haben unterschiedlich auf die Pandemie reagiert. Ich finde, dass es niemand perfekt gemacht hat, doch es gibt gute Ansätze. Großbritannien hat Weihnachten 2020 die schwerste Krise seiner Nachkriegsgeschichte erlebt, aber daraus die richtigen Schlüsse gezogen und viel Impfstoff beschafft. Wir wollen alle keine Situation wie in Brasilien. Wir bei Easyjet tragen den Lockdown mit, und wir nehmen für die Behörden die Aufgaben wahr, die uns übertragen werden. Doch wir brauchen Planbarkeit und eine Strategie, damit wir nach vorn schauen können.

Wie bereitet sich Easyjet in Berlin auf das Ende der Corona-Maßnahmen vor?

Stephan Erler: Für diesen Sommer fassen wir rund 70 Destinationen ab Berlin ins Auge. Zum Vergleich: Derzeit steuern wir vom BER um die 40 Ziele an. Wir versuchen, alle populären Verbindungen abzudecken, wenn auch zunächst mit verringerten Frequenzen, die dann bei genügend Nachfrage aufgestockt werden. Wir sind optimistisch. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass nicht einmal ein Drittel der Deutschen die erste Impfung bekommen haben. Wir sind noch lange nicht über den Berg.

Immer wieder wird in Deutschland darüber diskutiert, ob Kurzstreckenflüge verboten werden sollten. Die Kanzlerkandidatin der Grünen, Annalena Baerbock, ist dafür. Auch in Berlin gibt es Befürworter. Was sagen Sie dazu? Wie würde ein solches Verbot den Berlin-Tourismus betreffen?

Burkhard Kieker: Ich bin der Meinung, dass wir uns erst einmal über eine grundlegende Frage unterhalten müssen: Welche Stadt wollen wir sein? Tesla baut in unserer Region eine Fabrik für Elektroautos, weil wir mit dem BER die Voraussetzung für gute internationale Flugverbindungen haben. Siemens investiert mehr als 600 Millionen Euro in den Campus Siemensstadt 2.0, weil es in Berlin viele hervorragende Wissenschaftler gibt. Die Unternehmen folgen den Talenten, und diese Talente wollen international vernetzt sein. Dafür braucht Berlin gute Flugverbindungen, auch innerhalb von Europa.

Reichen nicht auch schon gute Bahnverbindungen?

Burkhard Kieker: Wenn wir Berlin revitalisieren wollen, wird es nicht ohne eine Zusammenarbeit mit den Airlines und der Deutschen Bahn gehen. Aber die Bahn wird es nicht alleine schaffen. Sicher, niemand muss von Berlin nach Nürnberg fliegen. Corona wird das Reiseverhalten verändern, doch wir Menschen sind nun einmal seit vielen Tausend Jahren soziale Wesen, die sich treffen wollen. Und Berlin sollte die Symbiose, die diese Stadt mit dem Flugverkehr hat, nicht unterschätzen.

Würde es für bestimmte Destinationen keine Nachfrage geben, weil es eine attraktive Bahnverbindung gibt, würden wir sie nicht anbieten.

Stephan Erler

Was meinen Sie damit?

Burkhard Kieker: Berlin neigt zur Nabelschau. London, Paris, New York: Das ist unsere Bezugsgruppe, an der wir uns orientieren sollten. Wir sollten uns immer fragen: Wie würde man dort entscheiden und handeln? Wenn wir uns darin einig sind, dass wir weiterhin in dieser Liga mitspielen wollen, müssen wir uns an die Spielregeln halten.

Herr Erler, was sagen Sie zu der Diskussion über die Kurzstreckenflüge?

Stephan Erler: Wie werden sie überhaupt definiert? Berlin–Kopenhagen würde möglicherweise dazugehören. Aber nicht alle wollen diese Distanz mit Bahn oder Auto und Fähre zurücklegen. Wir bedienen nur die Nachfrage, die es gibt. Würde es für bestimmte Destinationen keine Nachfrage geben, weil es eine attraktive Bahnverbindung gibt, würden wir sie nicht anbieten. Für uns ist es weniger relevant, ob die Distanz 500, 1000 oder 1500 Kilometer beträgt. Wir tragen mit unseren Verbindungen zur Konnektivität Europas bei.

Heißt das, dass Sie sich für die Diskussion über die Erderhitzung nicht interessieren?

Stephan Erler: Im Gegenteil. Wir begrüßen es, dass immer mehr über das Klima diskutiert wird. Als erste große Airline der Welt hat Easyjet vor zwei Jahren damit begonnen, als Übergangslösung den Kohlendioxidausstoß zu kompensieren. Für jeden Fluggast, egal wohin und zu welchem Preis er fliegt. Außerdem besitzt Easyjet die größte Flotte von Flugzeugen des Typs Airbus Neo in Europa, mit mehr als 50 Maschinen, die alle sehr effizient sind. Wir streben weiterhin an, in Zukunft mit elektrischen oder wasserstoffangetriebenen Flugzeugen zu fliegen. Da können die Diskussionen derzeit nur hilfreich sein, um das Bewusstsein in der Politik, in der Branche und vor allem aufseiten der Konsumenten zu schärfen.

Wird sich der Berlin-Tourismus nach Corona verändern? Oder, anders gefragt: Sollte er verändert werden?

Burkhard Kieker: Die Bedeutung des Qualitäts-Tourismus wird weiter wachsen. Unser Durchschnittsgast ist 41 Jahre alt. Das ist nicht der Clubbesucher, der einfliegt, die Nacht durchtanzt und ohne Hotelaufenthalt am nächsten Morgen wieder abreist. In der Regel ist es ein hoch interessiertes, überdurchschnittlich gebildetes Publikum, das nach Berlin kommt, um sich kulturell aufzuladen, gut zu essen, gut zu schlafen und sich inspirieren zu lassen. Auf diese Kern-Zielgruppe war Berlin schon vor Corona gut eingestellt, und das wird sich weiter verstärken. Weil zu erwarten ist, dass die Zahl der Langstreckenflüge zum BER zunimmt, wird Berlin auch mehr Gäste aus Asien sehen.

Und damit sind wir wieder beim Anfang unseres Gesprächs. Wird sich die komplizierte Beziehung, die diese Stadt zum Tourismus hat, ändern?

Burkhard Kieker: Da gibt es einige Missverständnisse. Im Auftrag von Visit Berlin hat ein Umfrageteam touristische Orte wie die Admiralbrücke in Kreuzberg oder den Boxhagener Platz in Friedrichshain aufgesucht – Orte, die für viele Berliner Paradebeispiele für Overtourism sind. Das verblüffende Ergebnis war, dass 70 Prozent der Befragten Einheimische und keine Touristen waren. Also bitte keine Vorurteile nach dem Motto: Wenn da eine halbe Currywurst auf dem Boden liegt, dann kann das nur ein Tourist gewesen sein. Was Themen wie Sauberkeit anbelangt, müssen wir uns erst mal an die eigene Nase fassen.

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