Siyaset

Chronik einer geopolitischen Tragödie in zu vielen Akten

Reklam

BerlinAfghanistan ist seit Jahrzehnten ein Land zwischen andauernden Verwerfungen. Kein Krieg der Moderne dauerte länger. Bereits 1991 und nach dem Rückzug der Sowjets aus dem Land schrieb die Autorin und spätere Literatur-Nobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch: „Der Krieg in Afghanistan dauerte doppelt so lange wie der Zweite Weltkrieg, aber wir wissen darüber nur so viel, wie man uns wissen lassen wollte, damit wir nicht erschrecken.“

Wie den USA in Vietnam dämmerte den Russen während ihrer zehnjährigen Besatzungszeit zwischen 1979 und 1989 in Afghanistan, dass der Krieg dort nicht zu gewinnen sein würde. 1986 nannte Michail Gorbatschow das Engagement in Afghanistan eine „blutende Wunde“, die geschlossen werden müsse. Der neue Parteichef der KPdSU (Kommunistische Partei der Sowjetunion) leitete den Rückzug ein. Die Afghanen gelten spätestens seitdem als kriegsmüde. Die Konflikte endeten damit aber nicht.

dpa/Anja Niedringhaus

Afghanische Soldaten der Norallianz stehen auf einem sowjetischen Panzer in einem Militärlager in Kabul.

Nach dem Rückzug der Sowjets zwischen Gewaltwirtschaft und Warlords 

Eine der wichtigsten Folgen des Afghanistankrieges ist die sukzessive Auflösung des staatlichen Gewaltmonopols. Sie setzt spätestens mit dem Rückzug der Sowjets ein. Die Zäsur bedeutet den Anfang einer Sicherheitskrise, wie ihn Historiker zum Beispiel auch für die Balkanstaaten in den 199er-Jahren beschrieben haben. Der Zerfall der Sowjetunion und die Abzüge des sowjetisch/russischen Militärs stellen für die aufgegebenen Stationierungsorte und die hier lebenden Menschen nicht nur gewaltige politische, sondern auch wirtschaftliche, ökologische und soziale Umbrüche dar.

Anfang der 90er-Jahre zerfällt Afghanistan in unzählige Kleinreiche, die häufig nicht über eine Talschaft oder eine Oase hinausreichen. Diese Herrschaftsgebiete werden von autonomen Machthabern, die häufig unter dem Label „Warlords“ zusammengefasst werden, regiert. Der Bürgerkrieg zwischen verfeindeten Milizen der Mudschaheddin versetzt das Land in andauernde Unruhen. 

Aufstieg der Taliban: Wir waren durstig nach Gerechtigkeit

Besonders der Zusammenbruch des ersten Taliban-Regimes, das kurzzeitig der Zersplitterung Afghanistans entgegenwirkte, wird diese Fragmentierung später offenlegen. Von Pakistans Geheimdienst unterstützt ergreifen die Taliban zwei Jahre nach ihrem Entstehen die Macht über Afghanistan und gründen Ende September 1996 das Islamische Emirat Afghanistan auf Grundlage der strikten Anwendung der Scharia. 

Nach den Attentaten vom 11. September beginnen die USA eine ­Offensive gegen die Taliban. Während der Petersberger Konferenz wird Ende 2001 Hamid Karsai, ein früherer CIA-Mitarbeiter, zum Interimspräsident des Landes benannt. Der Einsatz der Internationalen Afghanistan-Schutztruppe (Isaf) unter dem Kommando der Nato beginnt. 2004 wird Karsai zum Präsidenten ernannt, in Afghanistan wird eine neue Verfassung angenommen, die eine islamische Republik begründet. Der Einfluss der afghanischen Regierung reicht derweil nach Schilderungen von Reportern kaum bis vor die Tore der Hauptstadt, weshalb sie auch als „Stadtverwaltung Kabuls“ bezeichnet wird.

In den ersten 18 Monaten seit der Einsetzung der Übergangsregierung werden verschiedene Strategien diskutiert, um die Sicherheitslage im Land zu verbessern und dem „Warlordism“ zu begegnen. Viele dieser Ansätze erscheinen plausibel, werden aber der komplexen Konfliktsituation im Land nicht gerecht, zumal der Wiederaufbau des Landes immer hinter die militärischen Notwendigkeiten des destabilisierten Afghanistans zurückfällt.

AP/Rahmat Gul

Schwer bewaffnete Taliban-Kämpfer in Kabul.

Afghanistan wurde mit dem Abkommen in Doha den Taliban ausgeliefert

Diese Chronik vorweggenommen kann nicht erstaunen, was am 29. Februar 2020 in Doha geschah, wo der US-Unterhändler Zalmay Khalilzad und Mullah Abdul Ghani Baradar als Vertreter der Taliban an diesem Tag das sogenannte Friedensabkommen abschließen. Über Letzteres war seit September 2018 verhandelt worden. Bereits am Tag danach war klar, dass dieser Scheinfrieden nicht lange währen würde. Die Taliban sollten schnell wieder ihre Kampfhandlungen aufnehmen.

Ohnehin, und wie der Journalist Georges Lefeuvre Anfang des Jahres zur Situation am Hindukusch schrieb, „ging es bei den Verhandlungen nie um einen Frieden für die Region“. Stattdessen vielmehr darum, wie die USA ihre Truppen aus dem Land abziehen können würden, ohne dabei ihr Gesicht zu verlieren. Die afghanische Regierung hatte während der Verhandlungen nicht mit am Tisch gesessen. Zur Erinnerung: der Abzug war bereits für 2014 unter Barack Obama geplant. Im Dezember 2018 hatte wiederum der mittlerweile ehemalige US-Präsident Donald Trump sein Wahlversprechen bekräftigt, den Abzug endgültig zu organisieren.

Die Verhandlungen unter Trump hätten, so Lefeuvre, vor allem zum Ziel gehabt, den Taliban als Gegenleistung in den Verhandlungen vier Zugeständnisse abzuringen: Waffenruhe, Verhandlungen mit der Kabuler Regierung, die Zusicherung, dass von afghanischem Boden keine Anschläge gegen die USA angestiftet werden, und Sicherheitsgarantien für den schrittweisen Abzug der US-Truppen.

„Keep the Russians out, the Americans in, and the Germans down“

In dieser hier nur angerissenen Kriegsgeschichte Afghanistans müssen unterdessen verschiedene Spezifika bedacht werden: Die Kriege im Land waren nie „Bürgerkriege“. Sie waren von außen motiviert. Sie dienten immer einer „Stabilisierung“ unter Zugriff verschiedener Interessengruppen auf das Transitland Afghanistan. Letzteres ist reich an Rohstoffen und auch ein wichtiger Pufferstaat in Zentralasien.

Im Prinzip hat das Blockdenken in Afghanistan seit dem Kalten Krieg nie aufgehört oder um es mit der Raison d’Être der Nato zu sagen – „keep the Russians out, the Americans in, and the Germans down“. Wobei, wie der Historiker Timothy Sayle geschrieben hat, das beliebte Narrativ der Nato als einer Gemeinschaft freier und demokratischer Staaten, die auf gemeinsamen Traditionen oder gar Werten fuße, bestenfalls eine Fassade gewesen sei. Dieser Tage sind es wiederum die sogenannten SOC-Staaten (Schanghaier Organisation für Zusammenarbeit), vorneweg China, die in den Verhandlungen mit den Taliban um Einfluss buhlen.

Afghanistan ist Teil einer Region, die stark destabilisiert wurde

Unabhängig vom oben geschilderten Blick auf das Land oder dem Einfluss anderer geopolitischer Kräfte wie Pakistan, Russland oder China kann die Erzählung über Afghanistans Geschichte immer nur eine Annäherung sein. Das gilt insbesondere vor dem Hintergrund, dass die Geschichtswissenschaft vor der Frage steht, wie ein „Nationalstaat“ losgelöst von globalen Dynamiken überhaupt begriffen werden kann.

Grafik: BLZ/Galanty; Quelle: Monde Diplomatique

Ein einheitliches Afghanistan gibt es nur in der Erzählung des Westens.

Es hat nie ein Afghanistan gegeben, das sich homogen beschreiben ließe. Das Land ist reich an verschiedenen Ethnien. Es werden zwei Amtssprachen gesprochen. Das im Westen verankerte Bild von Afghanistan ist gleichwohl ähnlich lange wie der Krieg dort herrscht von der Idee bestimmt, es handele sich um eine zurückgebliebene Region. Der Historiker Robert Crews hat dieses Bild in seinem Buch „Afghan Modern“ dezidiert dekonstruiert und verteidigt das Land gegenüber vor allem eurozentrisch geprägten Annahmen, wie die Afghanen seien.

So oder so kann Afghanistan nicht einzeln betrachtet werden. Das Land ist Teil einer Region, die durch verschiedene militärische wie politische Manöver insgesamt destabilisiert wurde. Viele Staaten sind geschwächt. In anderen  – Libanon, Irak, Afghanistan, Palästina und Syrien –  ist in den vergangenen Jahren die Macht bewaffneter Milizen gewachsen, die oft über ein beachtliches Waffenarsenal inklusive Raketen verfügen. Hinzu kommen konfessionelle Spannungen, die vor allem für die Minderheiten bedrohlich sind.

In der jüngeren Vergangenheit stand dabei immer wieder die Einflussnahme der USA in der Kritik: Eine Grundkonstante der Außenpolitik der Vereinigten Staaten, heißt es etwa bei der Historikerin Jessica Gienow-Hecht, sei gewesen, dass sie zwar international stets um Vertrauen geworben hätten, jedoch nicht fähig gewesen seien, stabiles Vertrauen in andere Staaten zu entwickeln. Unilateraler Kontrollwille und imperiale Machtansprüche seien vielmehr seit jeher kontinuierliche Begleiter einer asymmetrischen Vertrauenspolitik und insofern Einflussnahme – auch in Afghanistan, das sich noch in den 1970er-Jahren gegen die Einflussnahme der Sowjets gewehrt hatte und dann doch zum Spielball zwischen deren und den Interessen der USA im Kalten Krieg wurde.

Der War on Terror ist auf den meisten Schauplätzen gescheitert

Es ist allzu deutlich, was die Journalistin Charlotte Wiedemann wiederholt geschrieben hat: „Der War on Terror, psychologisch und rechtlich derart entgrenzt geführt, ist auf den meisten Schauplätzen militärisch gescheitert.“ Und weiter: Damit verlöre sich insofern auch die Definition und Deutungsmacht des Westens vom totalen Feind. „Dschihadisten – oft religiös mehr drapiert als motiviert – sind aus Sicht der Bevölkerungen in Afrika und Asien oft keine blindwütigen Fanatiker, sondern Kämpfer mit Zielen und Interessen“, so Wiedemann.

Im Mai dieses Jahres schrieb die Journalistin in einem Artikel, die afghanische Regierung habe den Taliban ein weitreichendes Gesprächsangebot gemacht: „Anerkennung als politische Partei, Freilassung von Gefangenen.“ Nach 17 Jahren Krieg lebe Stand Mai 2021 ein Drittel der Afghanen erneut unter der Herrschaft der Taliban. Es gelte als folgenreicher Fehler, sie 2001/02 von den Petersberger Verhandlungen über die Zukunft des Landes ferngehalten zu haben. Und dennoch halte sich die Vorstellung, mit Dschihadisten könne schon deshalb nicht rational verkehrt werden, weil es sich um religiöse Fanatiker mit wirren Kalifatsfantasien handele, ohne Bezug zum sozialen Geschehen vor Ort.

Als Vergleich führt Wiedemann die nordirische IRA an, die früher auch als Ultraterroristen gehandelt wurden und mit denen Gespräche nicht denkbar gewesen seien. Das Ausmaß begangener Verbrechen, führt die Journalistin an, sei aber kein Kriterium. Wiedemann beruft sich hier auf Jonathan Powell und sein Buch „Terrorists at the Table“. Powell, einstiger Stabschef von Tony Blair und Experte in internationaler Konfliktmediation, habe bereits vor zehn Jahren Gespräche mit al-Qaida vorgeschlagen.

Letztendlich müssen bei dem Versuch, eine Übergangslösung für Afghanistan auszuhandeln, für den Westen bis dato offenbar schwer zu akzeptierende Grenzen überschritten werden. Das Primat der Geopolitik lässt keinen Raum für Reformbestrebungen und gesellschaftlichen Wandel, wenn die Kräfte, die hier wirken, nicht mit am Tisch sitzen.

Was wann geschah

17. Juli 1973 – General Mohammed Daud Khan stürzt die Monarchie und ruft mit der Unterstützung der kommunistischen DVPA (Demokratische Volkspartei Afghanistans) die Republik aus. Obwohl Khan als Premierminister der Sowjetunion nahesteht, setzt er eine Politik der Nichtanpassung an die Supermächte des Kalten Krieges fort.

27. April 1978 – Staatsstreich von Nur Muhammad Taraki und seiner Demokratischen Volkspartei Afghanistans (DVPA).

14. September 1979 – Ministerpräsident Hafizullah Amin schaltet Präsident Taraki aus und nimmt dessen Platz ein.

24./25. Dezember 1979 – Einmarsch sowjetischer Truppen, die das Land besetzen. Beginn des Kriegs gegen die von den USA unterstützten Mudschaheddin. Amin wird durch Babrak Karmal ersetzt.

30. September 1987 – Mohammed Nadschibullah (DVPA) wird zum Präsidenten gewählt.

14. April 1988 – Genfer Abkommen zwischen Michail Gorbatschow und der afghanischen Regierung über den Rückzug der sowjetischen Truppen, der am 15. Februar 1989 abgeschlossen wird. Beginn des Bürgerkriegs zwischen Regierungstruppen und Mudschaheddin.

9. September 2001 – Der Kommandant der Nordallianz, Ahmad Schah Masud, wird von zwei Al-Qaida-Mitgliedern er­mordet. Nach den Attentaten vom 11. September beginnen die USA eine ­Offensive gegen die Taliban.

5. Dezember 2001 – Petersberger Konferenz in Bonn. Hamid Karsai, ein früherer CIA-Mitarbeiter, wird Interimspräsident. Einsatz der Internationalen Afghanistan-Schutztruppe (Isaf) unter dem Kommando der Nato.

4. Januar 2004 – Annahme der neuen Verfassung Afghanistans, die eine is­lamische Republik begründet. Karsai wird zum Präsidenten gewählt.

22. Juni 2011 – Beginn des Rückzugs der französischen Nato-Truppen, der Ende 2014 abgeschlossen wird.

5. April 2014 – Der frühere Ökonom der Weltbank Aschraf Ghani wird zum Präsidenten gewählt. Der Krieg dauert an.

Februar 2016 – Beginn eines multilate­ralen Friedensprozesses in Moskau.

Februar 2018 – Beginn des Dialogs zwischen den USA und den Taliban in Doha.

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