Son Dakika

Als Angela Merkel weinte

Reklam

Berlin Am Sonntag ist Bundestagswahl, der Ausgang ist ungewiss. Eines ist sicher: Angela Merkel (CDU) tritt nicht mehr an. Am Donnerstag schon hat sie ihren angestammten Wahlkreis 15 im Norden Mecklenburg-Vorpommerns besucht und sich von den Menschen dort verabschiedet. Angela Merkel, 67, wird bald auch als Bundeskanzlerin abgelöst. Das Amt hat sie seit dem 22. November 2005 inne. Jetzt ist es Zeit, Abschied zu nehmen. 

Merkel, die Ostdeutsche

Meine englische Schwiegermutter fragt mich am Telefon: „You must be sad that Merkel is leaving.“ Du bist bestimmt traurig, dass Merkel geht. Es ist eigentlich keine Frage, sondern eine Aussage, eine Feststellung, ohne Raum für Zweifel. Die Engländer lieben Merkel oder „Morkel“, wie sie sagen. Mein Verhältnis ist komplizierter, erzähle ich meiner Schwiegermutter. Ich erzähle davon, wie ich Angela Merkel einmal getroffen habe, es muss 2003 oder 2004 gewesen sein.

Sie kam als Oppositionsführerin nach London, mit ihrem Vertrauten Friedbert Pflüger. Sie besuchte Downing Street, anschließend gab sie mit dem Premier Tony Blair eine Pressekonferenz. Sie, die CDU-Frau, und er, der Labour-Mann, verstanden sich gut. Damals, als Berichterstatterin der Berliner Zeitung, sah ich sie zum ersten Mal. Ich war überrascht, wie sympathisch sie mir war.

Ihr Gang, ihre kleinen Trippelschritte, ihr Gesicht, ihre Stimme, ihr glucksendes Lachen. Sie sprach in dem leichten Brandenburger Singsang, der mir sehr vertraut war. Es war der Dialekt der Menschen, mit denen ich aufgewachsen war, so redeten Eltern, Lehrer. Wenn man die deutschen Nachrichten hörte, klangen die Stimmen anders, männlich, westdeutsch. Ich erzähle meiner Schwiegermutter, wie elektrisiert ich damals von Merkels Auftritt war. Wie aufregend ich die Vorstellung fand, eine ostdeutsche Frau könnte Kanzlerin werden. Ich stellte mir vor, was für ein Zeichen das dafür wäre, wie sehr sich Deutschland seit 1990 verändert hat. Sie könnte mit ihrer eigenen Geschichte auf Brüche und Widersprüche des Einigungsprozesses hinweisen, dachte ich.

Viele Jahre später hat sich gezeigt, dass diese Ideen naiv waren. Merkel hat sich diesen Erwartungen entzogen, nicht nur diesen, auch anderen, den Erwartungen an sie als Ostdeutsche, als Frau, als Reformerin. In einem Essay wiesen zwei Kolleginnen der Zeit kürzlich darauf hin, dass Merkel auf die Eitelkeit, die es bedeuten kann, als Frau wahrgenommen zu werden, verzichtet hat. Es ging an der Stelle um den Blazer, den sie trägt wie einen Arztkittel, eine Uniform, an dem Blicke abprallen. Genauso weigerte sie sich, als Ostdeutsche wahrgenommen zu werden. Sie wollte neutral sein.

Das Erstaunlichste an Merkel ist vielleicht ihre Anpassungsfähigkeit, ihr mikroskopisches Gespür für Stimmungen und die Fähigkeit, darauf einzugehen, Positionen der Mehrheit aufzugeben. Das ist, auf nicht so direkte Weise, schon wieder sehr ostdeutsch, dieses Chamäleonhafte.

Merkel war nicht immer politisch so ambitionslos. Als sie 2003 anfing als CDU-Vorsitzende, wollte sie dem Land ein neues, progressives Steuersystem und eine neue Krankenversicherung verpassen. Als sie merkte, dass die Deutschen lieber nicht von komplizierten Neuerungen gestört werden wollen, ließ sie die Pläne fallen. Alles, was nicht funktioniert, muss weg, das ist ihr Motto. Und zu viel Veränderung mögen die Deutschen nicht, so ihre Schlussfolgerung aus frühen Jahren. Ich weiß nicht, ob das stimmt, gerade die Corona-Zeit hat doch gezeigt, wie viel Veränderung das Land aushält.

Merkel hat immer nur auf Krisen reagiert und dadurch vieles versäumt, Klimaschutz, Digitalisierung, Kampf gegen wachsende Ungleichheit und Rechtsextremismus. Meine Schwiegermutter, lebenslange Tory-Wählerin, hört schweigend zu. Und sagt dann: „Wir sitzen hier mit Boris Johnson, dieser Mischung aus Hugh Grant, Donald Trump und Hitler. Ihr hattet Merkel.“ Vielleicht ist das alles, worauf es am Ende ankommt. Sabine Rennefanz

Merkels erste und letzte Tränen in der Öffentlichkeit

Diese Geschichte spielt weit vor der Zeit, in der Angela Merkel Kanzlerin war, im Jahr 1993. Merkel ist Ministerin für Frauen und Jugend – es ist ihr erstes Ministeramt. Selbstverständlich hat man der jungen Frau aus dem Osten nur ein unbedeutendes Ressort übertragen, aber immerhin ist sie schon mal in die Regierung aufgerückt. Von der Distanz und Unnahbarkeit, mit der sie sich heute vor allem im Kontakt mit Journalisten umgibt, ist sie noch weit entfernt.

Das zeigt sich bei dem Vorfall, der sich beim Redaktionsbesuch der Ministerin ereignet. Es ist nicht die Zeitung, in der Sie gerade diese Geschichte lesen. Im Konferenzraum sind etwa 20 Männer und Frauen versammelt. Letztere sind stark in der Minderheit.

Die Frauen- und Jugendministerin hat ein bisschen von ihrem Amt erzählt und steht nun für Fragen zur Verfügung. Einer der Chefs fragt nach Manfred Stolpe. Der allseits geachtete SPD-Politiker und Ministerpräsident von Brandenburg hat nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass er zu DDR-Zeiten regelmäßig Kontakte zur Stasi hatte. Als Jurist für die Evangelische Kirche der DDR war er gewissermaßen ein Unterhändler für die Rechte der Christen in der DDR. Allerdings gab es gerade massive Vorwürfe gegen Stolpe, dass er der Stasi auch Interna der Kirche weitergegeben habe.

Die Frage an Angela Merkel lautet mehr oder weniger, ob sie Manfred Stolpe nicht Solidarität bekunden möchte. Die Ministerin antwortet ausweichend. Da setzt der Journalist nach und erklärt, dass Merkel offensichtlich schon ganz im Westen angekommen sei und Parteipräferenzen über allgemeine Solidarität stelle. Ein deutlicher Vorwurf, aber auch nicht härter als das, was im allgemeinen politischen Geschehen so üblich ist. Die Kollegen nehmen es nur beiläufig zur Kenntnis.

Was dann kommt, ist aus heutiger Sicht eine Sensation.

Merkel verteidigt sich. Bemerkenswert ist weniger, was sie sagt, sondern wie: Während sie spricht, belegt sich ihre Stimme. Die Menschen im Raum beginnen, sich verstohlen anzusehen. Täuscht man sich? Sie wird doch nicht? Doch, sie wird: Nach vier, fünf Sätzen bricht Angela Merkel in Tränen aus. Der Chefredakteur reagiert betroffen, will das Thema wechseln. Doch da ist er bei ihr an der falschen Adresse. „Nein, das beantworte ich jetzt“, sagt die Ministerin heftig und redet weiter. Ihre Stimme normalisiert sich. Der Termin wird fortgesetzt, der Vorfall nicht weiter thematisiert. In die Zeitung findet er keinen Eingang. Auf den Redaktionsgängen wird er noch heftig diskutiert. Vor allem die älteren Kollegen sind der Meinung: Eine Politikerin darf in der Öffentlichkeit nicht derart ihre Gefühle zeigen. Angela Merkel scheint ihnen recht zu geben. Es ist ihr nie wieder passiert. Christine Dankbar

Merkels Mutter und ein Auftritt, der gar keiner sein sollte

Als Angela Merkel zum ersten Mal in Deutschland regierte, war ich nicht sonderlich von ihr beeindruckt, vielleicht war ich sogar Merkel-Gegnerin, ich weiß es nicht mehr genau. Aber ich erinnere mich an den Auftritt, der mich zum ersten Mal für sie einnahm. Es war gegen Ende ihrer ersten Amtszeit, und Merkel war gar nicht dabei. Es war ein Auftritt ihrer Mutter.

Ein Auftritt, der gar keiner sein sollte, nicht vor Kameras und Journalisten, wenn es nach Herlind Kasner gegangen wäre. So hieß Merkels Mutter. Sie wirkte schon etwas missmutig, als sie im Regierungsviertel aus einer Limousine stieg und die vielen Reporter sah. Ach, geht das schon los, murmelte sie. Sie war 80 Jahre alt, eine Dame in einem Kostüm, die aus Templin angereist war, um einen Preis entgegenzunehmen. Der Preis hieß „Vorbild der Weiterbildung“. Sie war eine Volkshochschullehrerin aus der Uckermark. Es war ein Weiterbildungskongress. Was also sollte dieser Wirbel? Sie war mir sofort sympathisch.

Auf der Bühne, als sie an der Reihe war, wurde es noch besser. Herlind Kasner wirkte nicht mehr missmutig, im Saal saßen mehr Lehrer als Journalisten, sondern schwärmte von ihren Kursen, vom Spaß, den sie mit den Schülern habe. Sie erzählte, dass sie noch Griechisch-Schüler suche, es sollten sich auch Menschen in ihrem Alter melden. Als sie den Saal verließ, stürmten Fernsehreporter auf sie zu wie auf einen Star. Wie fühlen Sie sich jetzt? Die Antwort von Herlind Kasner höre ich noch heute bei Fußballturnieren, wenn Spieler sich Sätze herausquälen. Oder wenn der Mund ihrer Tochter leicht zuckt, man eine Belustigung bei Merkel ahnt, in bestimmten Situationen. Ich wurde auch später kein Fan von Merkels Politik, aber ich wurde ein Fan ihrer Art, keinen Wirbel um alltägliche Dinge zu machen.

„Was sind denn das für Fragen?“, sagte Kasner in einem ruhigen Ton. Und lief einfach weiter. Vor zwei Jahren ist Herlind Kasner gestorben. Ihre Tochter sagte gerade, kurz vor ihrem Abschied vom Amt, sie habe sich nach dem Tod ihrer Mutter einen Raum gebaut, in dem sie trauern konnte. Und niemand reingelassen, der da nicht hingehörte. Wiebke Hollersen

Was Männer schmerzhaft lernen mussten

Persönlich bin ich Angela Merkel nie begegnet. Begleitet hat sie mich jedoch mehr als mein halbes Leben. Ich bin 34 Jahre alt, schon als Jugendlicher habe ich mich für Politik interessiert. Meine erste Erinnerung an Merkel ist die einer schneidigen Oppositionspolitikerin. Merkel wollte Kopfpauschalen in der Krankenversicherung, weniger Kündigungsschutz und geringere Steuern. Es war die Hochzeit des Neoliberalismus.

Das straffe Reformprogramm hätte Merkel um ein Haar die Kanzlerschaft gekostet. Daraus hat sie wohl abgeleitet, dass es sich nicht lohnt, den Deutschen etwas zuzumuten. Ich halte diesen Ansatz für falsch. Und dennoch ist sie mir in den 16 Jahren im Amt immer sympathischer geworden. Vor allem auf dem internationalen Parkett – zwischen all den Trumps, Putins, Erdogans – war ich froh, dass Deutschland von dieser nüchternen Protestantin vertreten wird.

Ihre Intelligenz, die Art, Probleme zu durchdenken, imponiert mir. Und auch der feine Humor, der immer wieder hervorblitzt. Dass man sie – die spröde Frau aus dem Osten – besser nicht unterschätzen sollte, mussten eine ganze Reihe (männlicher) westdeutscher CDU-Politiker erst schmerzhaft lernen. Friedrich Merz hat sich davon bis heute nicht erholt. Dabei tut es der Politik nur gut, wenn nicht breitbeinige, selbstverliebte Männer an der Spitze stehen.

Wir können von Glück reden, dass in der Corona-Krise die analytische Naturwissenschaftlerin Merkel im Kanzleramt saß. Und nicht etwa ein mäandernder Drängler wie Armin Laschet. Was ich Merkel vorwerfe, ist, dass sie nie bereit war, für ihre Überzeugungen etwas zu opfern. Helmut Schmidt hatte den Nato-Doppelbeschluss, Gerhard Schröder die Agenda 2010. Wofür aber steht Merkel? Ich weiß es nicht. In den 16 Jahren ihrer Amtszeit hat sie Deutschland solide regiert. Vielleicht darf man von einem Politiker nicht mehr erwarten.

Egal, wie die Wahl am Sonntag ausgeht: Ab dem 27. September beginnt eine neue Zeitrechnung. Ich bin mir sicher, dass wir, mit etwas Abstand, Angela Merkel noch vermissen werden. Fabian Hartmann

dpa/Michael Hanschke

Gerhard Schröder (SPD) übergibt am 22. November 2005 in Berlin das Bundeskanzleramt an Angela Merkel .

Siege der Beharrlichkeit oder: Unterlegene pflastern ihren Weg

Als Bundeskanzler Gerhard Schröder am Wahlabend 2005 bräsig-selbstgerecht die Floskel von sich gab, man müsse die Kirche im Dorf lassen und schnoddrig ergänzte: „Glauben Sie wirklich, Sie können hier Bundeskanzlerin werden?“, war ich seiner Meinung. Schröder hatte die Wahl verloren, aber die Vorstellung, dass Merkel sie gewonnen habe, fühlte sich seltsam unwirklich an.

Der Eindruck legte sich auch in den nachfolgenden Monaten nicht. Das Merkelsche Rollenmodell mutete fremd und ungelenk an. In Reden und vor der Kamera wirkte sie unbeholfen, ständig war man geneigt, ihre Sätze korrigieren oder umformulieren zu wollen. Auch nach 16 Jahren ihrer erstaunlichen Kanzlerschaft wird niemand so weit gehen, ihr rhetorische Könnerschaft nachzusagen oder ihr öffentliches Auftreten als politischen Stil zu klassifizieren. Anerkennung aber zollt man ihr für eine besondere Form der politischen Vertrautheit. „Sie kennen mich.“

Kaum jemand hat unter dem Mangel eines Stilempfindens in der politischen Klasse so sehr gelitten wie der kürzlich verstorbene Publizist und Literaturwissenschaftler Karl Heinz Bohrer. „In diesem Lande“, schrieb er, „ist ein ethischer Formalismus, der alle traditionelle Politik geprägt hat, zerstört“. Laut Bohrer deutete sich hier die Unfähigkeit an zur symbolischen Abbildung, die Unfähigkeit zur öffentlichen, nichtprivaten Ethik. Das war auf Helmut Kohl gemünzt, aber das Verdikt über die symbolische Ausdrucksschwäche galt später zweifellos auch für Kanzlerin Merkel.

Und doch verkennt solch scharfe Charakterisierung den Kern des Merkelschen Repräsentationsstils. Das Fehlen eines klassischen Form- und Machtbewusstseins hatte keineswegs den Verzicht auf Ausdrucksformen der Überlegenheit und Stärke zufolge. Wann immer Recep Tayyip Erdogan, Donald Trump oder auch bloß Horst Seehofer glaubten, Merkel wort- und gestenreich demütigen zu können, erstrahlte ihre hausfrauenhafte Beharrlichkeit hernach umso heller. Angela Merkel steckte oft ein und verlangte später meist ohne symbolischen Budenzauber einen hohen Preis für das jeweilige Herrengedeck.

Im Verlauf ihrer Kanzlerschaft entwickelte sie eine Meisterschaft der informellen Organisation und Durchsetzung von Macht und Interessen, die oft als Politikmoderation missverstanden wurde. Häufig attestierte man ihr eine pragmatische Vernunft, deren nachträgliche Triumphe aber leicht übersehen wurden. Unterlegene pflastern ihren Weg. Ihr ehrgeiziger Antipode Friedrich Merz musste schon deshalb an der Mission einer späten Nachfolge scheitern, weil ihm die narzisstische Kränkung noch immer in den Knochen saß, die Merkel ihm früh zugefügt hatte. In diesem Sinne war die Mutti-Metapher vor allem Ausdruck einer gewaltigen Selbsttäuschung. So fürsorglich Angela Merkel auch gelegentlich erschien, zum Beispiel gegenüber dem weinenden Flüchtlingsmädchen Reem, beherrschte sie die Strategien der Selbstbehauptung, die keiner ihrer Nachfolgekandidatinnen und -kandidaten nur ansatzweise erkennen lässt. In jüngerer Zeit hat man Angela Merkel einen versteckt-hintersinnigen Humor nachgesagt, den nur zu erkennen vermochte, wer nicht gerade mit ihr im Kampf um politische Terraingewinne verstrickt war. Harry Nutt

imago/Sven Simon

CDU-Parteitag im November 2010: Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) winkt, Angela Merkel klatscht.

Vollstes Vertrauen und Bratkartoffeln

Mir hat Angela Merkel in all den Jahren nicht ein einziges Mal ihr vollstes Vertrauen ausgesprochen. Glück gehabt. Wer weiß, was aus mir geworden wäre. Wäre ich wie Verteidigungsminister Franz Josef Jung vier Tage später abgesetzt worden? Oder würde ich wie Frankreich einfach weitermachen, als ginge mich die Bundeskanzlerin nichts an? Diese Fragen müsste ich eigentlich Karl-Theodor zu Guttenberg stellen. Dem hat Angela Merkel dreimal das vollste Vertrauen ausgesprochen, was er einmal zwölf Tage, einmal acht Tage und einmal 24 Stunden lang beruflich überlebte.

Da soll noch jemand sagen, Politik sei unsportlich. Bei dieser Kanzlerin zumal, die mich stets an den Manager eines Fußballklubs erinnerte: Lässt ihre Trainer mal schön machen da unten am Spielfeldrand. Wenn sie nicht klarkommen, die Übungsleiter – kein Problem: Rücken stärken, vollstes Vertrauen aussprechen und Tschüss.

Manchmal dauert es etwas länger. Bei Papst Benedikt XVI. waren es 1081 Tage nach Merkels öffentlichem Treueschwur. Auf der Internetseite www.hatmerkelschonihrvertrauenausgesprochen.de steht das jedenfalls so. Joachim Löw hielt sich noch hartnäckiger in seiner Führungsposition. Dem Bundestrainer sprach die Bundeskanzlerin vor der WM 2014 das vollste Vertrauen aus, was keinen sofortigen Rausschmiss zur Folge haben konnte, weil Deutschland ja den Titel gewann. Doch zwei vergeigte Europameisterschaften und eine verkorkste Weltmeisterschaft später ist Löws Zeit in diesem Sommer endgültig abgelaufen. Da konnte er noch so oft gemeinsam mit Merkel Cordon bleu und Bratkartoffeln essen. Zuletzt übrigens am 11. Juni.

Hat sich ausgekaut. Und ausvertraut, vollstens. Angela Merkel scheidet nun ebenfalls aus ihrem Amt. Ohne mir auch nur ein einziges Mal ihr vollstes Vertrauen ausgesprochen zu haben. Das liegt vermutlich daran, dass sie mich nicht kennt. Darüber mein vollstes Bedauern, wie die Ex-Kanzlerin in spe vermutlich sagen würde. Christian Schwager

imago/Christian Thiel

 Angela Merkel schreibt Autogramme beim Tag der offenen Tür im Bundeskanzleramt 2015.

Das Autogramm der Kanzlerin

Es mag vor zehn Jahren gewesen sein, das genaue Datum weiß ich nicht mehr, da kann man angesichts der langen Kanzlerschaft Merkels schon einmal durcheinanderkommen. Es war auf jeden Fall ein Tag der offenen Tür im Kanzleramt.

Auf dem Rasen hinter dem Amt stand ein Hubschrauber der Flugbereitschaft der Bundeswehr. Viel mehr bemerkenswerte Dinge waren an diesem Tag nicht zu sehen. Also hatte sich vor dem Hubschrauber eine Schlange gebildet.

Wie so viele andere Besucher an diesem schönen Sommertag stellte sich auch der Berichterstatter der Berliner Zeitung an. Auf gut Glück. Er konnte nicht sehen, was ihn am Ende erwartet. Aber man kann ja nie wissen. In diesem Fall saß dort Angela Merkel an einem Tisch und gab Autogramme.

Man muss nicht den legendären ehemaligen Tagesthemen-Moderator Hanns Joachim Friedrichs („Ein guter Journalist macht sich mit keiner Sache gemein, auch nicht mit einer guten“) bemühen, um zu wissen, dass sich Journalisten keine Autogramme von Politikern geben lassen. Nie! Aus Prinzip!

Ich kann nicht mehr sagen, warum, jedenfalls ließ ich mich in der Schlange nach vorne treiben. Bis ich vor Merkel stand. Ich legte meinen Schreibblock, mein wichtigstes Arbeitsgerät, auf den Tisch. Sie unterschrieb. Ich bedankte mich. Mehr nicht. Der Nächste bitte!

Ich weiß noch, dass sich in dem Moment mein innerer Hajo Friedrichs meldete. Außerdem brauchte ich meinen Schreibblock, um Eindrücke zu notieren, Gesprächsfetzen aus Kurzinterviews mit Besuchern aufzuschreiben, meine Arbeit zu tun. Also kritzelte ich die Seiten um das Kanzlerinnen-Autogramm herum voll. 

In der Journalistenschule hatte ich einst gelernt, dass man seine vollgeschriebenen Schreibblöcke aufheben solle. Vielleicht brauche man die Mitschriften noch einmal, und sei es für gerichtliche Auseinandersetzungen. Das ist gewiss ein kluger Ratschlag gewesen, doch irgendwie taugt er nicht für ein ganzes Journalistenleben, in dem es mitunter etwas unordentlich zugeht. Kurz: Der „Merkel“-Block ist weg. Unwiederbringlich. Und Hajo Friedrichs kann in Frieden ruhen. Elmar Schütze

imago /Eventpress

Angela Merkel im Oktober 2015 bei Anne Will im Studio.

Als Merkel mit sich ganz im Reinen war

In kleiner Runde soll Angela Merkel witzig sein, sagen Augen- und Ohrenzeugen. Leider war ich nie bei einer dieser Runden dabei. Öffentlich ist ihre Rede meist umständlich, abwägend bis zur Langeweile, verschleiernd, unverständlich. Beeindruckt hat mich eher das Nichtgesagte, wie sie zum Beispiel die Männerriege in der Union nach und nach abräumte, die glaubte, Merkel sei nur eine Übergangslösung, bis sie übernehmen könnte. Das war so bis zum Herbst 2015.

Es waren die Monate, als Zehntausende Flüchtlinge ihr Heil in der Flucht suchten und auch nach Deutschland kamen. Es war Merkels Satz „Wir schaffen das!“, der mich in der Klarheit, Schlichtheit und Überzeugung überraschte.

Der Höhepunkt von Merkels Kanzlerschaft war aus meiner Sicht der Abend des 7. Oktober 2015. Merkel saß als alleiniger Gast bei Anne Will im Studio. Ich fand es immer seltsam und anmaßend, dass sie sich als Kanzlerin rausnahm, mit niemand anderem zu diskutieren. Aber an dem Abend passte es. Es ging natürlich um die Flüchtlingspolitik. Während des Gesprächs zeigte Anne Will einen erbosten bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer, der Merkel Versagen vorhielt. Flüchtlinge hausten zu Hunderten in Hamburg und München auf der Straße, weil sie nicht schnell genug versorgt werden konnten.

Waren die offenen Grenzen ein Fehler? Ist ihre Kanzlerschaft in Gefahr? Sollte man unfreundlichere Signale aussenden? Will ließ nichts unversucht. Merkel widerstand. Und dabei ließ einen seltenen Blick auf ihre innere Rüstung zu. Die vielen Helfer, die anpackten, die Freundlichkeit gegenüber den Fremden: „Das ist mein Land.“ Es zeichne uns doch aus, dass uns die Lage der Flüchtlinge nicht egal sei. „Wir halten Sonntagsreden, ich bin Vorsitzende einer christlichen Partei.“ Sollte heißen, wir müssen unser eigenes Gerede von Menschlichkeit, Toleranz, Schutz von Schwächeren einfach mal ernst nehmen. Sie erwähnte den toten Jungen am Strand. „Das kann nicht unser Europa sein.“ Da war sie ganz bei sich, völlig unverstellt und offensichtlich mit sich im Reinen. Eine beeindruckende Rede. Tobias Miller

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